Jahrelang hörte ich Tiëstos neue Musik nur noch am Rande. Sein Remix von KUKOs „Voicemail“ stellt nun eine Verbindung wieder her, die ich längst verloren glaubte. Warum sich dieser Track für mich nicht wie ein Comeback, sondern wie ein Wiedersehen anfühlt. Ein Kommentar.
Mein Weg zu Tiësto begann nicht mit Trance
Ich habe Tiësto nicht mit „Flight 643“, „Traffic“ oder „Lethal Industry“ entdeckt. Als ich seine Musik erstmals bewusst wahrnahm, lagen diese Klassiker längst hinter ihm. Mein Einstieg war „C’mon“ mit Diplo – ein Track, der 2010 erschien und mit dem Trance-Sound seiner Anfangsjahre nur noch wenig zu tun hatte.
Erst danach begann ich, mich rückwärts durch seine Karriere zu hören. „Adagio for Strings“ hatte ich natürlich schon vorher irgendwo gehört. Doch erst jetzt verband ich den Track wirklich mit Tiësto und verstand langsam, welchen Stellenwert dieser Name im Trance hatte.
„Traffic“, „Flight 643“, „Lethal Industry“ und sein elfminütiger „Silence“-Remix kamen hinzu und gehören bis heute zu meinen liebsten Trance-Tracks von ihm. Ich hatte Tiëstos prägendste Phase zwar verpasst, entdeckte sie aber zu einem Zeitpunkt, an dem er selbst musikalisch längst weitergezogen war. Dadurch existierten für mich von Anfang an mehrere Versionen von Tiësto nebeneinander.
Auch der Pop-Tiësto hatte seinen Platz
Als 2014 das Album „A Town Called Paradise“ erschien, hatte sich Tiësto noch weiter von seinen Trance-Wurzeln entfernt. Mich störte das nicht. Ich mochte „Written in Reverse“, ich mochte „Wasted“ – und ich feierte „Red Lights“. Letzterer läuft auch heute noch regelmäßig bei mir. Vielleicht hatte ich deshalb nie das Bedürfnis, Tiësto seinen musikalischen Wandel vorzuwerfen. Ich kannte ihn nicht ausschließlich als Trance-DJ und erwartete auch nicht, dass er für immer so klingen müsste wie zu Beginn der 2000er-Jahre. Seine Entwicklung gehörte für mich zu seiner Geschichte.
Irgendwann ging die Verbindung trotzdem verloren. Nicht durch einen einzelnen schlechten Track und auch nicht durch eine bewusste Entscheidung. „Jackie Chan“, „The Business“ oder „The Motto“ waren für mich völlig in Ordnung. Ich verstand, warum diese Songs funktionierten und zu riesigen Erfolgen wurden. Aber sie lösten bei mir nicht mehr dasselbe aus. Meine Streams gingen zurück. Neue Tiësto-Releases nahm ich weiterhin wahr, doch immer seltener hatte ich das Bedürfnis, sie anschließend noch einmal zu hören. Seine Musik lief weiter – nur immer häufiger ohne mich.
Die Trance-Rückkehr erreichte mich zunächst nur halb
Als Tiësto Ende 2025 mit „Bring Me To Life“ seine Rückkehr zum Trance offiziell machte, war meine Aufmerksamkeit sofort wieder da. „Beautiful Places“ und „Echo Sax Finale“ bestätigten anschließend, dass es sich nicht nur um einen kurzen Ausflug handeln würde. Die Songs waren gut. Sie waren melodischer, emotionaler und deutlich näher an jener Musik, mit der Tiësto einst groß geworden war. Gleichzeitig klangen sie nicht wie der Versuch, das Jahr 2001 künstlich wiederzubeleben.
Genau das ist auch sein erklärtes Ziel. Tiësto möchte seine frühere Musik nicht einfach kopieren, sondern die damaligen Einflüsse mit einem modernen Sound verbinden. In einem Interview nannte er unter anderem KI/KI und Benwal als Vertreter einer jüngeren Generation, die Trance schneller und anders interpretiert. Über seine Haltung zu den Puristen und den früheren Sellout-Vorwürfen haben wir zuletzt ausführlicher berichtet.
Ich mochte diese neue Richtung. Trotzdem beobachtete ich sie zunächst eher, als dass sie mich vollständig mitriss. Die Rückkehr erreichte meinen Kopf, aber noch nicht ganz das Gefühl, das ich mit meinen liebsten Tiësto-Tracks verband.
Und dann kam diese Voicemail
Am 21. August erschien Tiëstos offizieller Remix von KUKOs „Voicemail“ auf Musical Freedom. Das Original aus dem Jahr 2024 kommt aus dem Hard-Techno-Umfeld. Tiësto macht daraus keinen Rückblick auf seine Vergangenheit, sondern einen 150 BPM schnellen Trance-Track.
Die verletzliche Sprachaufnahme trifft auf scharfe Trance-Leads und einen Rhythmus, der kaum Luft lässt. Der Remix verbindet die Härte, die den gegenwärtigen Trance- und Techno-Sound prägt, mit jener emotionalen Sogwirkung, die das Genre für mich immer ausgezeichnet hat. Ich hörte ihn einmal. Dann noch einmal. Und irgendwann lief er zum zehnten Mal.
Nicht, weil ich diesen Artikel schreiben wollte. Der Gedanke daran kam erst später. Ich konnte den Track schlicht nicht loslassen. Nach den ersten Durchgängen blieb vor allem ein Satz hängen: Das ist für mich Trance.
Nicht, weil „Voicemail“ wie „Traffic“ oder „Flight 643“ klingt. Das tut der Remix nicht – und genau darin liegt seine Stärke. Er kopiert keinen alten Tiësto-Track, löst bei mir aber etwas Ähnliches aus. Diese Mischung aus Druck und Melodie, aus Vorwärtsbewegung und einem emotionalen Moment, der die Zeit für ein paar Sekunden anhält.
Die vorherigen Releases kündigten Tiëstos neue Phase an. „Voicemail“ muss nichts mehr ankündigen. Der Remix wirkt nicht wie ein Beweis dafür, dass Tiësto noch immer Trance produzieren kann. Er klingt einfach selbstverständlich.
Kein Comeback, sondern ein Wiedersehen
Tiësto war nie weg. Im Gegenteil: Während ich ihn immer seltener hörte, veröffentlichte er einige der erfolgreichsten Songs seiner Karriere. Seine Musik hatte sich verändert – und mein Geschmack passte irgendwann nicht mehr so gut dazu wie früher. Das macht diese Jahre nicht schlechter und seine großen Dance-Pop-Hits nicht weniger berechtigt. Künstler schulden ihrem Publikum keine dauerhafte Wiederholung der Vergangenheit. Genauso wenig muss jeder Fan jede Entwicklung mitgehen.
„Voicemail“ macht deshalb auch nichts ungeschehen. Der Remix stellt lediglich eine Verbindung wieder her. Zu dem Artist, den ich mit „C’mon“ entdeckt habe. Zu den Klassikern, die ich anschließend rückwärts kennenlernte. Zu „Red Lights“, das mich durch eine ganz andere Phase seiner Karriere begleitete.
Vielleicht ist das das größte Kompliment, das ich diesem Remix machen kann: Zum ersten Mal seit langer Zeit höre ich einen neuen Tiësto-Track und möchte ihn sofort noch einmal starten, sobald er vorbei ist.
„Voicemail“ klingt für mich deshalb nicht nach Comeback. Der Remix klingt nach Wiedersehen.
Fotocredit: Beau Grealy

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




