Swedish House Mafia wurden mit gewaltigen Drops, Feuerwerk und Shows vor Zehntausenden Menschen berühmt. Doch hinter ihren größten Songs steckte immer auch Melancholie. Mit „Happiness Is So Sad“ bringen Axwell, Sebastian Ingrosso und Steve Angello diese Verbindung nun so deutlich auf den Punkt wie nie zuvor.
Wenn Euphorie und Melancholie dasselbe Gefühl werden
Seit „Happiness Is So Sad“ veröffentlicht wurde, läuft der Song bei mir ständig. Und jedes Mal passiert dasselbe: Lykke Li klingt verletzlich, der Beat öffnet den Raum und plötzlich liegen Euphorie und Melancholie so eng beieinander, dass sich kaum sagen lässt, welches Gefühl gerade überwiegt. Genau darin waren Swedish House Mafia schon immer besser, als es ihr Image vermuten ließ.
Von außen betrachtet stehen die drei Schweden vor allem für die ganz großen Momente der elektronischen Musik. Für drei Punkte auf einer Leinwand, gigantische Bühnen, lange Builds und Drops, bei denen Zehntausende gleichzeitig die Arme heben. Wer ihre Musik über all die Jahre verfolgt hat, weiß aber auch: Die Songs, die wirklich geblieben sind, funktionierten nie allein über ihre Größe.
Die Euphorie war nie sorgenfrei
Ich verfolge Axwell, Sebastian Ingrosso und Steve Angello praktisch seit der Gründung von Swedish House Mafia. Schon vorher liefen bei mir Platten aus ihrem gemeinsamen Umfeld rauf und runter. „Tell Me Why“ von Supermode, dem damaligen Projekt von Axwell und Steve Angello, gehört bis heute zu meinen Favoriten. Spätestens „Leave The World Behind“, das die drei späteren SHM-Mitglieder gemeinsam mit Laidback Luke und Deborah Cox veröffentlichten, hatte alles, was mich an diesem Sound gepackt hat.
Dann kamen „One“, „Miami 2 Ibiza“, „Save The World“, „Antidote“, „Greyhound“ und schließlich „Don’t You Worry Child“. Ich habe diese Songs damals unzählige Male gehört und tue es heute noch. Natürlich waren es Tracks wie „One“, „Antidote“ und „Greyhound“, die zeigten, welche körperliche Wucht elektronische Musik entfalten kann. Sie erklären, warum Swedish House Mafia innerhalb weniger Jahre von Clubs in die größten Arenen der Welt aufstiegen. Die besonders enge Bindung zu ihrer Musik entstand aber an anderer Stelle.
„Leave The World Behind“ handelte schon im Titel von der Flucht aus dem Alltag. „Save The World“ machte aus dem Wunsch nach Rettung eine Hymne. Und „Don’t You Worry Child“ war nie der unbekümmerte Feelgood-Song, als der er auf Festivals manchmal behandelt wird. Der Text blickt auf ein früheres Zuhause, die erste Liebe und einen tröstenden Vater zurück. Millionen Menschen feiern dazu gemeinsam, obwohl der Song eigentlich davon erzählt, dass etwas vorbei ist.
Die Euphorie verdrängt die Traurigkeit nicht. Sie entsteht aus ihr.
Ein Comeback, das sich zunächst fremd anfühlte
Als Swedish House Mafia 2018 beim Ultra Music Festival zurückkehrten, war die Freude riesig. Musikalisch begann das Comeback allerdings erst drei Jahre später und klang deutlich anders als erhofft. Mit „It Gets Better“, „Lifetime“ und später „Redlight“ präsentierte sich das Trio härter, dunkler und reduzierter. Ich fand diesen neuen Stil damals vor allem gewöhnungsbedürftig. Nicht, weil Swedish House Mafia verpflichtet gewesen wären, einfach noch einmal die Jahre 2010 bis 2012 zu kopieren. Eine solche Rückkehr hätte wahrscheinlich schon bei der zweiten Single nach Nostalgieprogramm geklungen. Die emotionale Wärme, die ich mit ihren früheren Songs verband, fehlte mir trotzdem.
Man muss als langjähriger Fan nicht so tun, als würde einen jede neue Richtung automatisch erreichen. Gerade „It Gets Better“ und „Lifetime“ wirkten auf mich eher wie eine bewusste Abgrenzung von der Vergangenheit. Swedish House Mafia waren wieder da, fühlten sich aber noch nicht vollständig wie Swedish House Mafia an.
Ausgerechnet derselbe Albumzyklus brachte dann mit „Heaven Takes You Home“ einen Song hervor, der meine Wahrnehmung veränderte. Das Trio kehrte damit nicht einfach zum alten Sound zurück. Trotzdem war die emotionale Architektur seiner besten Musik wieder zu erkennen: ein schweres Thema, eine verletzliche Stimme und eine Produktion, die daraus keinen stillen Moment, sondern ein gemeinsames Erlebnis macht.
„Ray Of Solar“, „Lioness“ und „Wait So Long“ führten diesen Weg weiter. Die drei versuchten nicht mehr, ihre Vergangenheit nachzubauen. Sie fanden neue Formen für das Gefühl, das ihre Musik früher bereits ausgezeichnet hatte.
Und jetzt ist da „Happiness Is So Sad“.
Ein Satz, der auch ihre eigene Geschichte beschreibt
Der Titel klingt zunächst wie ein einfaches Paradoxon. Glück ist schließlich nicht traurig. Traurig wird es durch das Wissen, dass es nicht festgehalten werden kann. Genau davon handelt der Song. Lykke Li singt von einem Menschen, den sie möglicherweise nicht zurückhalten kann. Selbst in den glücklichen Momenten ist der spätere Verlust bereits spürbar. Der Track braucht dafür keine komplizierte Geschichte. Wenige Zeilen genügen, um dieses Gefühl zwischen Festhalten und Loslassen zu beschreiben.
In einem Interview mit Vogue Scandinavia erklärte Lykke Li, das Team habe nach Melodien gesucht, die einen „zum Weinen und Tanzen zugleich“ bringen. Für sie sei diese Verbindung typisch schwedisch: Die Dunkelheit werde verstanden, das Licht dafür umso mehr geliebt. Treffender lässt sich nicht nur „Happiness Is So Sad“, sondern ein großer Teil des SHM-Katalogs beschreiben.
Auch die Geschichte des Trios selbst steckt in diesen vier Worten. Swedish House Mafia verabschiedeten sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, gingen 2013 nach einer weltweiten Abschiedstour getrennte Wege und kehrten fünf Jahre später überraschend zurück. Seitdem schwingt bei jedem großen gemeinsamen Auftritt die Erinnerung daran mit, dass es diese Gruppe schon einmal nicht mehr gab.
Für langjährige Fans kommt eine weitere Ebene hinzu. Wenn heute „One“, „Save The World“ oder „Don’t You Worry Child“ laufen, hören wir nicht nur die Songs. Wir hören auch die Zeit, in der wir sie zum ersten Mal entdeckt haben. Für ein paar Minuten ist dieses frühere Gefühl wieder da. Gleichzeitig wird einem bewusst, wie viele Jahre inzwischen vergangen sind.
Happiness is so sad.
Swedish House Mafia sind mit ihrer Musik älter geworden
Axwell sagte im selben Interview, die Jahre vor der Trennung seien irgendwann nur noch verschwommen gewesen. Die Dimensionen und die ständigen Shows seien so groß geworden, dass kaum Zeit geblieben sei, das Erlebte überhaupt wahrzunehmen. Heute nähmen die drei die Reaktionen des Publikums bewusster wahr und betrachteten sie nicht mehr als selbstverständlich.
Auch ihr Leben hat sich verändert. Steve Angello lebt seit mehr als zehn Jahren nüchtern, Sebastian Ingrosso seit zwei Jahren. Wenn sie heute auf einer Bühne stehen, erleben sie die Energie nicht mehr durch denselben Rausch wie früher. Und vielleicht klingt ihre Musik deshalb inzwischen anders: weniger wie der Versuch, einen Moment maximal aufzublasen, und häufiger wie der Versuch, ihn wirklich zu begreifen.
Die aktuelle Hinwendung zu helleren und emotionaleren Sounds beschreibt das Trio selbst als organische Entwicklung. Nach vielen Jahren mit düsteren Bildwelten und einer wuchtigen Ästhetik finden Swedish House Mafia nun wieder mehr Licht. „Happiness Is So Sad“ ist dafür der bislang deutlichste Beleg. Der Song versucht weder, das Jahr 2012 nachzustellen, noch zieht er sich in jene kühle Distanz zurück, die mir den Beginn der Comeback-Phase so fremd gemacht hat. Er klingt gegenwärtig, trägt aber dieselbe emotionale Grundidee in sich wie die Musik, wegen der ich Swedish House Mafia überhaupt seit so vielen Jahren verfolge.
Ob „Happiness Is So Sad“ einmal neben ihren größten Klassikern stehen wird, lässt sich wenige Tage nach der Veröffentlichung noch nicht seriös beurteilen. Für mich gehört der Song aber schon jetzt zu ihren stärksten Veröffentlichungen seit der Reunion.
Seit seinem Release höre ich den Song immer wieder. Vielleicht, weil darin nicht nur die Geschichte von Swedish House Mafia steckt, sondern auch ein Teil meiner eigenen: die Begeisterung von damals, die Distanz nach dem Comeback und das Gefühl, diese drei nun noch einmal neu zu entdecken. Für ein paar Minuten ist all das wieder da, was ihre Musik über die Jahre in mir ausgelöst hat – und gleichzeitig die Erkenntnis, wie viel Zeit seit „Leave The World Behind“, „One“ oder „Save The World“ vergangen ist.
Ihre beste Musik hat mich feiern lassen, obwohl sie von Verlust erzählte. Sie hat Erinnerungen geweckt, die schön sind und gerade deshalb ein wenig wehtun. Noch kein anderer Song von Swedish House Mafia hat dieses Gefühl so klar auf den Punkt gebracht.
Vier Worte reichen dafür aus: Happiness is so sad.
Fotocredit: Rukes

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de



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