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Avicii wäre heute 37 geworden: Er blieb für immer 28. Wir nicht.

Avicii wäre heute 37 geworden: Er blieb für immer 28. Wir nicht.

Am 8. September wäre Avicii 37 Jahre alt geworden. Mehr als acht Jahre nach seinem Tod hat sich die Welt um seine Musik weitergedreht, während Tim Bergling für immer 28 blieb. Eine persönliche Erinnerung an einen Künstler, dessen Tod bis heute unwirklich erscheint.

Ein warmer Samstag im April

Ich weiß noch genau, wo ich am Tag nach Aviciis Tod war. Es war Samstag, der 21. April 2018, und für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm. Ich saß mit meiner damaligen Freundin im Garten und schrieb für DJ Mag Germany einen Rückblick auf die Karriere eines 28-Jährigen. Einen Tag zuvor war die Nachricht aus Oman gekommen: Tim Bergling war tot.

Ich versuchte, sein Leben und seine Karriere chronologisch zu ordnen. Die ersten Veröffentlichungen, der Durchbruch, „Levels“, die großen Festivals, zwei Alben und schließlich sein Rückzug von den Bühnen. Vielleicht war dieser Text damals auch mein Versuch, etwas zu verstehen, das sich überhaupt nicht verstehen ließ. Mehr als acht Jahre später erinnere ich mich noch immer an diesen Garten, an das beinahe sommerliche Wetter und an dieses vollkommen unwirkliche Gefühl, über das abgeschlossene Leben eines Menschen zu schreiben, dessen Geschichte eigentlich noch lange nicht zu Ende sein sollte.

Die Frau, die damals neben mir saß, ist inzwischen meine Ehefrau. Wir haben einen Sohn. Unser Leben ist weitergegangen und sieht heute vollkommen anders aus. Tim Bergling ist noch immer 28.

Ein Artikel, der immer weiterwächst

Den Karriere-Rückblick über Avicii, den ich damals geschrieben habe, gibt es bis heute. Jedes Jahr kehre ich zu ihm zurück und ergänze, was seit der letzten Aktualisierung passiert ist. Das postume Album „TIM“ kam hinzu, später die Avicii Arena, eine Biografie, die Avicii Experience in Stockholm, mehrere Dokumentationen, weitere Veröffentlichungen und neue Meilensteine seiner Songs.

Der Abschnitt über sein Nachleben wird immer länger. Der Artikel wächst also weiter, nur die Karriere, von der er erzählt, endet seit dem 20. April 2018 an derselben Stelle. Das fühlt sich bis heute seltsam an: Man schreibt die Geschichte eines Künstlers weiter, obwohl der Künstler selbst ihr längst nichts mehr hinzufügen kann.

Mein Avicii begann vor „Levels“

Ich habe Avicii nicht erst durch „Levels“ entdeckt. Meine Geschichte mit seiner Musik begann schon mit „Sound Of Now“ und „Muja“, lange bevor sein Name untrennbar mit dem weltweiten EDM-Boom verbunden war. Das soll kein „Ich kannte ihn schon vor dem Hype“ sein. Es erklärt nur, warum sich seine Karriere für mich so lang anfühlt, obwohl sie eigentlich erschreckend kurz war.

Schon in diesen frühen Tracks steckte dieses besondere Gespür für Melodien. Seine Musik klang euphorisch und gleichzeitig immer ein wenig sehnsüchtig. Oft reichten wenige Sekunden, damit sich eine Melodie im Kopf festsetzte. Zu meinem persönlichen Avicii-Favoriten gehören deshalb nicht nur die großen Singles, sondern auch die Remixe, Bootlegs, IDs und all die unveröffentlichten Songs, die jahrelang durch seine Sets und durch das Internet geisterten.

Der Remix von Toni Braxtons „Make My Heart“ ist mir bis heute im Ohr. Und beim „Sweet Sad Disposition“ Mashup reichen noch immer die ersten Momente: sofort Gänsehaut. Avicii-Fan zu sein bedeutete damals auch, sich durch Mitschnitte und Tracklists zu arbeiten und bei jeder neuen ID zu hoffen, dass sie irgendwann veröffentlicht wird. Gefühlt steckte in jedem seiner Sets noch eine weitere Melodie, aus der der nächste riesige Song hätte werden können. Damals waren diese unveröffentlichten Tracks Versprechen auf das, was noch kommen würde. Heute erinnern sie vor allem daran, was nicht mehr kommen konnte.

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Toni Braxton - Make My Heart (Avicii's replacer remix)

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Mit „True“ schien plötzlich alles möglich

Natürlich veränderte „Levels“ alles. Plötzlich kannte die ganze Welt diesen Sound, der zuvor immer größer geworden war. Es folgten „Silhouettes“, „I Could Be The One“ und 2013 schließlich sein Debütalbum „True“. Dieses Album gehört für mich bis heute zum Stärksten, was Avicii veröffentlicht hat.

Nach seinen ersten Welthits hätte er einfach dieselbe Formel wiederholen können. Stattdessen verband er elektronische Musik mit Folk, Country, Soul und Pop. „Wake Me Up“, „Hey Brother“, „Addicted To You“ und „Dear Boy“ klangen vollkommen unterschiedlich und trotzdem unverkennbar nach Avicii. Heute erscheint diese Mischung fast selbstverständlich. Damals war sie ein Risiko.

„True“ zeigte, dass sich seine musikalische Handschrift nicht auf einen bestimmten Sound reduzieren ließ. Die Instrumente, Stimmen und Genres konnten sich verändern – seine Melodien erkannte man trotzdem sofort. Gerade deshalb wirkte seine Geschichte noch lange nicht auserzählt. Da waren die offiziellen Songs und Alben, aber gleichzeitig auch all diese unveröffentlichten Stücke, alternativen Versionen und Remixe. Es schien, als würden noch unzählige musikalische Wege vor ihm liegen. Nach seinem Tod hörte man diese Songs anders: Früher fragte man sich, wann sie endlich veröffentlicht werden. Heute fragt man sich, was aus ihnen – und aus ihrem Produzenten – noch hätte werden können.

Dieser Tod passt bis heute nicht zu dieser Musik

Als am 20. April 2018 die Todesmeldung kam, hatte Avicii seine Tourkarriere zwar bereits beendet. Musikalisch wirkte sein Rückzug aber keineswegs wie ein Abschied. Mit der EP „AVĪCI (01)“ hatte er sich 2017 zurückgemeldet. Für mich fühlte sich das damals nach dem Beginn einer neuen Phase an: weniger Tourstress, mehr Freiheit und hoffentlich wieder mehr Freude an der Musik. Ein Ende war das Letzte, womit ich gerechnet hatte.

Heute wissen wir durch Biografien und Dokumentationen mehr über den enormen Druck, die gesundheitlichen Probleme und die Schattenseiten seines Erfolgs. Manche Entwicklungen lassen sich dadurch besser einordnen. Begreifbarer wird sein Tod für mich trotzdem nicht.

Aviciis Musik klang nach Bewegung, Aufbruch und Sommer. Nach Nächten, in denen noch alles möglich schien. Selbst wenn es in seinen Songs um Einsamkeit, Verlust oder die Vergänglichkeit des Lebens ging, hatten seine Melodien fast immer etwas Helles und Hoffnungvolles. Vielleicht wirkt sein Tod deshalb bis heute wie ein Widerspruch zu allem, was diese Musik in so vielen Menschen ausgelöst hat. Mein Kopf weiß, dass Tim Bergling seit mehr als acht Jahren nicht mehr lebt. Doch sobald einer seiner Songs läuft, fühlt sich diese Tatsache noch immer falsch an.

Die Jahre, die ihm fehlen

Am 8. September wäre Tim Bergling 37 Jahre alt geworden. Wenn ein Musiker so früh stirbt, drehen sich viele Gedanken um die Alben, Songs und musikalischen Entwicklungen, die es nie geben wird. Auch bei Avicii bleibt die Frage, wohin ihn sein außergewöhnliches Gespür für Melodien noch geführt hätte. Aber es fehlt weit mehr als Musik.

Tim Bergling schuldete niemandem weitere Songs oder Auftritte. Was ihm genommen wurde, waren vor allem die ganz gewöhnlichen Jahre eines Menschen: neue Erfahrungen, Beziehungen, Entscheidungen und all die Veränderungen, die das Leben mit sich bringt. Postume Veröffentlichungen können einzelne musikalische Lücken schließen. Sie können uns Songs geben, von denen wir lange nicht wussten, ob wir sie jemals hören würden. Aber sie können das Leben dahinter nicht fortsetzen.

Vielleicht fühlt sich neue Avicii-Musik deshalb häufig gleichzeitig schön und traurig an. Für ein paar Minuten ist er wieder da – und fehlt dadurch im selben Moment noch ein bisschen mehr.

Was von Avicii bleibt

An seinem Geburtstag werde ich wahrscheinlich nicht nur „Levels“, „Wake Me Up“ oder „The Nights“ hören. Vielleicht beginne ich wieder mit „Sound Of Now“ und „Muja“. Irgendwann folgt Toni Braxtons „Make My Heart“ in seinem Remix. Bei „Sweet Sad Disposition“ wird die Gänsehaut wieder da sein. Und natürlich werde ich auch „True“ hören.

Genau diese Mischung ist mein Avicii: die Welthits, die ein ganzes Jahrzehnt geprägt haben, aber auch die frühen Tracks, Bootlegs und unveröffentlichten Melodien, die außerhalb seiner Fangemeinde kaum jemand kennt. Seine Musik bringt mich nicht einfach nur zurück in eine bestimmte Zeit. Sie bringt für ein paar Minuten auch eine frühere Version von mir selbst zurück.

Ich höre heute dieselben Songs wie damals, aber mein Leben um sie herum hat sich vollständig verändert. Vielleicht wird sein Fehlen deshalb nicht kleiner, sondern mit jedem Jahr ein wenig sichtbarer. Der Artikel, den ich am 21. April 2018 geschrieben habe, wird vermutlich noch einige Male wachsen. Es wird weitere Ehrungen, Meilensteine, Dokumentationen und vielleicht auch weitere Musik geben. All das lässt sich ergänzen.

Nur ein neues Lebensjahr wird niemals hinzukommen.

Avicii wäre heute 37 geworden. Wir sind älter geworden. Tim Bergling konnte es nicht.

Fotocredit: Press Pic

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Franz Beschoner

Autor

Franz Beschoner

Head of Editorial / franz@djmag.de