Kaum ein Thema spaltet die Szene so sehr wie Ghost-Producing. Paul Schiestl von Wavewolf Studios produziert hauptberuflich Tracks für DJs, die diese unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen. In seinem Gastbeitrag erzählt er, wer so etwas bucht, wie ein Track entsteht und wo für ihn die Grenze zwischen ehrlicher Zusammenarbeit und Etikettenschwindel verläuft.
Was Ghost-Producing eigentlich ist
Wenn ich auf einer Party erzähle, was ich beruflich mache, kommt fast immer dieselbe Reaktion. Zuerst ein kurzes Lachen, dann die Frage, ob das nicht Betrug sei, und gleich danach, meistens etwas leiser, ob ich verraten könne, welcher bekannte DJ seine Tracks nicht selbst produziert. Die zweite Frage beantworte ich nie. Über die erste rede ich dafür umso lieber, weil mein Job oft missverstanden wird und meine Arbeit mit dem gängigen Bild vom Ghostproducer wenig zu tun hat.
Ein Ghostproducer produziert einen Track, der später unter dem Namen eines anderen Artists erscheint. Der DJ bekommt das fertige Projekt, in der Regel mit den vertraglich vereinbarten Nutzungsrechten, veröffentlicht es unter seinem Namen und spielt es in seinen Sets, während der Producer im Hintergrund bleibt. Daher kommt auch das „Ghost“ im Namen.
In der Praxis gibt es zwei sehr unterschiedliche Modelle, die in Diskussionen gern in einen Topf geworfen werden. Beim ersten kauft ein DJ einen fertigen Track aus einem Katalog, den irgendjemand auf Vorrat produziert hat und der mit ihm als Artist nichts zu tun hat. Beim zweiten entsteht der Track gemeinsam, ausgehend von den Ideen, dem Geschmack und dem Sound des DJs, der ihn am Ende spielt. Die beiden haben ungefähr so viel gemeinsam wie ein Anzug von der Stange und ein maßgeschneiderter, obwohl beide unter demselben Begriff laufen.
Wer einen Ghostproducer bucht
Das Klischee sagt, dass es sich um faule Superstars handelt, die lieber Stories posten, als im Studio zu sitzen. Dabei haben viele erfolgreiche DJs ihre Tracks früher selbst produziert. Sobald der Durchbruch kommt und sie fast jeden Tag im Flieger sitzen, fehlt ihnen schlicht die Zeit, regelmäßig selbst Musik zu machen, während gleichzeitig erwartet wird, dass jeden Monat etwas Neues erscheint und jeder Track perfekt klingt.
Viele DJs, mit denen ich arbeite, stehen allerdings an einem ganz anderen Punkt. Sie haben noch einen Vollzeitjob, legen seit Jahren regelmäßig auf und kümmern sich nebenbei um ihre Social-Media-Kanäle. Die meisten haben sich irgendwann eine DAW gekauft, Wochenenden in Tutorials versenkt und Projekte angefangen, die seit Monaten unberührt auf dem Laptop liegen, weil das Ergebnis neben einem aktuellen Festival-Banger einfach nicht mithalten konnte. Irgendwann stehen sie vor der Wahl, noch einmal fünf Jahre nebenbei produzieren zu lernen oder sich jemanden dazuzuholen, der das Handwerk beherrscht, damit sie endlich mit eigener Musik auftreten und den Sprung vom Resident-DJ zum Artist schaffen können, der für Festivals gebucht wird.
Warum eigene Tracks über Bookings entscheiden
Gute DJs gibt es heute in jeder Stadt, und die meisten spielen dieselben Tracks, die gerade auf Beatport oben stehen. Für einen Booker sind sie deshalb schwer zu unterscheiden, solange sie keine eigene Musik vorweisen können. Ein eigener Track zeigt, wofür ein DJ steht, er läuft im besten Fall in den Sets anderer DJs, landet in Playlists und bringt Anfragen von Leuten, die den Artist nie persönlich getroffen haben. Eigene Musik in Kombination mit täglichen Social-Media-Beiträgen ist dann ein wichtiger Teil der Erfolgsformel.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen dem DJ, der die ganze Nacht alles bedienen muss, was gewünscht wird, und dem Artist, der für einen 90-Minuten-Slot auf einem Festival gebucht wird, weil das Publikum seinen Sound hören will. Die meisten DJs, die bei mir anfragen, haben genug Gigs. Sie haben nur die falschen, und eigene Musik ist der Hebel, mit dem sie das ändern wollen.
Wie ein Track entsteht
Bei mir beginnt ein Track mit einem intensiven, oft auch emotionalen Gespräch, lange bevor die DAW überhaupt offen ist. Ich will wissen, was seine Artist-Identität ausmacht, welchen Sound er im Kopf hat und welche Artists ihn geprägt haben. Daraus leitet sich der Sound ab, der wirklich zu ihm passt. Danach entstehen erste Entwürfe, die wir gemeinsam in einer Zoom-Session anhören, auseinandernehmen und in mehreren Feedbackrunden verändern, bis der DJ das Gefühl hat, dass der Track nach ihm klingt. Mixing und Mastering kommen erst am Schluss, wenn Idee, Sounds und Arrangement stehen.
Wie viel vom DJ am Ende im Track steckt, ist von Projekt zu Projekt verschieden. Manche kommen mit einer Melodie, die sie ins Handy gesummt haben, andere mit einem halbfertigen Projekt, das irgendwo festhängt, und wieder andere nur mit einer klaren Richtung und einer Handvoll Referenztracks.
Die Frage nach der Ehrlichkeit
Die Kritik am Ghost-Producing kommt nicht aus dem Nichts, und ich verstehe sie. Problematisch wird es für mich dort, wo ein Artist auf Bühnen und in Interviews erzählt, wie er nächtelang an jedem Sound geschraubt hat, obwohl er den Track zum ersten Mal gehört hat, als er fertig war. Wer einen Track aus dem Katalog kauft und ihn als persönliches Statement verkauft, macht es sich zu leicht, und die Szene merkt so etwas früher oder später.
Wer dagegen mit einem Producer an seinem eigenen Sound arbeitet, macht im Grunde dasselbe wie eine Sängerin, die mit einem Produzententeam ins Studio geht. Hinter vielen großen Namen stehen Teams, und einige Artists sprechen inzwischen offen darüber. MANDY hat es hier bei DJ Mag einmal mit dem Satz „Ich alleine bin nicht MANDY, wir sind MANDY“ auf den Punkt gebracht. Mir ist wichtig, dass ein DJ seinen Track mit gutem Gewissen spielen kann, weil er darin seine eigene Idee wiederfindet und nicht die eines Fremden.
Worauf DJs achten sollten
Wer darüber nachdenkt, mit einem Producer zu arbeiten, sollte ein paar Dinge im Blick behalten. Genrekenntnis ist die Grundvoraussetzung. Check vorher, ob der Producer in deinem Genre Referenzen vorzuweisen hat, die dich ansprechen. Ein guter Producer fragt zuerst, wer du bist und wo du hinwillst, denn ein Track, der nichts mit deinem Sound zu tun hat, hilft dir auf der Bühne wenig. Rechte und Exklusivität gehören schriftlich geklärt, damit derselbe Track nicht wenige Wochen später unter einem anderen Namen auftaucht, was ich tatsächlich schon öfter erlebt habe. Außerdem lohnt es sich, vorher Referenzen anzuhören und die Feedbackrunden klar zu vereinbaren, weil gerade dort entschieden wird, ob der Track am Ende deiner ist oder nur einer, der dir gehört.
Viele unterschätzen außerdem, dass ein einzelner Track selten eine Karriere verändert. Was Booker und Publikum überzeugt, ist ein erkennbarer Sound über mehrere Releases hinweg, der über Monate und Jahre wächst.
Warum man DJs, die mit Ghostproducern arbeiten, nicht in eine Schublade stecken sollte
Viele DJs, mit denen ich arbeite, sind unglaublich kreativ. Sie haben jede Menge Ideen und wissen genau, wie ihr Sound klingen soll, doch ihnen fehlt entweder die Zeit oder das technische Know-how, um diese Ideen selbst umzusetzen. Genau dort komme ich als Producer ins Spiel, indem ich ihre Ideen gemeinsam mit ihnen in einen fertigen Track übersetze.
Die Idee für den Song entsteht dabei oft beim Künstler, der den Track mit seinem Feedback in jeder Runde weiterformt. Er prägt die musikalische Richtung maßgeblich mit, während ich den technischen Teil übernehme und das Ganze am Ende so umsetze, dass ein professioneller, veröffentlichungsreifer Sound entsteht. Man muss verstehen, dass ohne den DJ dieses Musikprojekt nie entstanden wäre, und genau darin unterscheidet sich meine Arbeit grundlegend von der vieler anderer Ghostproducer.
Fotocredit: Paul Schiestl

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




