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„Alle wissen Bescheid“: Amelie Lens fordert Konsequenzen bei sexueller Belästigung

„Alle wissen Bescheid“: Amelie Lens fordert Konsequenzen bei sexueller Belästigung

Amelie Lens erzählt von Grenzüberschreitungen im Backstage und Kolleginnen, die sich gegenseitig vor männlichen Artists warnen. Im DJ-Mag-Interview spricht die belgische Techno-DJ darüber, wie viel Überwindung es kostet, solche Erfahrungen öffentlich zu machen – und wie wenig sich danach oft verändert.

„Ich bin bei der Arbeit“

Wenn Amelie Lens hinter den Decks steht, ist das ihr Arbeitsplatz. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Dass sie diesen Satz trotzdem betonen muss, sagt viel über die Erfahrungen aus, von denen sie im DJ-Mag-Coverinterview mit Olivia Stock erzählt.

Die Belgierin, die mit ihren internationalen Auftritten und ihrer Plattform EXHALE zu den bekanntesten Namen im Techno gehört, berichtet von mehreren Vorfällen mit männlichen Künstlern im Backstage und direkt in der DJ-Booth. „Ich bin bei der Arbeit – ich bin hier nicht zum Feiern“, sagt sie. Wobei auch das, wie sie ausdrücklich hinzufügt, selbstverständlich keine Entschuldigung wäre.

Ihre Erfahrungen stehen für Lens neben denen vieler Kolleginnen. Frauen hätten ihr von schlimmen Erlebnissen erzählt, manche hätten den Mut gefunden, darüber zu sprechen. Geglaubt worden sei ihnen trotzdem nicht. Lange habe sie selbst gedacht, dass sich etwas ändern würde, wenn sie eines Tages öffentlich über bestimmte Künstler spreche. Inzwischen beschreibt sie vor allem die Enttäuschung darüber, dass Bekanntwerden allein offenbar nicht reicht: „Alle wissen Bescheid, sogar die Fans, und niemand tut etwas.“

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Warnungen vor dem gemeinsamen Auftritt

Besonders deutlich wird das an Nachrichten, die Amelie Lens nach eigener Aussage im Sommer erhalten hat. Sie habe mehrfach mit männlichen Artists gespielt, gegen die mehrere Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens vorlägen. Kolleginnen hätten ihr vorher geschrieben: „Bitte sei vorsichtig, wenn du mit ihm spielst. Pass auf dein Getränk auf.“ Für Lens ist schwer zu ertragen, dass Frauen sich 2026 auf diese Weise gegenseitig auf Auftritte vorbereiten müssen. Sie beschreibt einen Arbeitsalltag, in dem zur Vorbereitung auf ein Set auch die Sorge gehört, wem man hinter der Bühne begegnen wird.

Ihre Kritik richtet sich deshalb auch an diejenigen, die Bookings vergeben. Veranstalter müssten sich bei mehreren ähnlichen Schilderungen voneinander unabhängiger Frauen fragen, ob sie mit einem solchen Booking noch für die Sicherheit anderer Artists, Mitarbeiter und Gäste sorgen können. Konkrete Namen nennt Lens im Interview nicht.

Verantwortung lässt sich nicht unter Kolleginnen aufteilen

Auch männliche Kollegen spricht Lens direkt an. Sie wünscht sich, dass sie eingreifen, wenn sie grenzüberschreitendes Verhalten beobachten, und andere Männer darauf ansprechen. „Wenn andere in der Szene uns nicht helfen, können wir das nicht allein bekämpfen.“ Damit benennt sie etwas, das in der Diskussion leicht untergeht: Sich gegenseitig zu warnen, auf Getränke aufzupassen und backstage zusammenzubleiben kostet Aufmerksamkeit und Kraft. Diese Unterstützung kann wichtig sein. Sie ersetzt aber keine Menschen, die Verantwortung übernehmen, sobald sie von einem Problem erfahren.

Dass Kolleginnen aufeinander aufpassen, ist wertvoll. Sie sollten sich vor einem gemeinsamen Auftritt aber keine Warnungen schicken müssen. Wer hinter den Decks steht, muss darauf vertrauen können, dass die eigene Sicherheit auch den Menschen wichtig ist, die diesen Abend organisieren.

Fotocredit: Daniil Lavrovski/Press Pic

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Franz Beschoner

Autor

Franz Beschoner

Head of Editorial / franz@djmag.de