Bei der landesweiten Parlamentswahl in Serbien hat eine von Studierenden unterstützte Wahlliste die Mehrheit gewonnen. Nach fast zwei Jahren Protesten gegen Korruption und die politische Führung feiern Menschen im ganzen Land das Ergebnis. Auch Clubs wie Drugstore und Karmakoma sowie das EXIT Festival begrüßen den erhofften Neuanfang – die Unterstützung der Bewegung hatte für Teile der Musikszene selbst erhebliche Folgen.
Was in Serbien gewählt wurde
Am Sonntag, 25. Oktober, wurde in Serbien ein neues nationales Parlament gewählt. Dabei ging es um die Verteilung der 250 Sitze in der Nationalversammlung und damit um die Mehrheiten für die künftige Regierung.
Die von der Studierendenbewegung unterstützte Liste setzte sich gegen das Bündnis des langjährigen politischen Machthabers Aleksandar Vučić durch. Nach den am Montag veröffentlichten vorläufigen Angaben der Wahlkommission RIK erhielt sie 52,71 Prozent der Stimmen und 140 Sitze. Das von Vučić angeführte Bündnis „United Serbia“ erreichte 39,17 Prozent und 104 Mandate. Für eine absolute Mehrheit sind 126 Sitze erforderlich. Die Studierendenliste könnte damit eine Regierung ohne weiteren Koalitionspartner bilden. Die Ergebnisse sind noch vorläufig.
Der Name erklärt dabei vor allem, wer die Bewegung trägt. Auf der Liste kandidierten Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft, darunter Lehrer, Juristen und Landwirte. Vučić räumte seine Niederlage am Sonntag ein. Anschließend kamen Zehntausende Menschen in Belgrad zusammen, um den Wahlsieg zu feiern.
Warum so viele Menschen auf diesen Moment gewartet haben
Begonnen hatte die Protestbewegung mit einer Katastrophe. Im November 2024 stürzte ein Vordach am Bahnhof von Novi Sad ein. 16 Menschen starben. Studierende und weitere Demonstrierende verlangten Aufklärung und politische Verantwortung. Sie machten Korruption und staatliche Misswirtschaft für das Unglück verantwortlich.
Aus diesen Forderungen entstand eine landesweite Bewegung gegen Korruption und die politische Führung. Fast zwei Jahre lang hielten die Proteste an. Vučić wies die Korruptionsvorwürfe zurück. Mit dem Wahlsieg hat die von Studierenden getragene Bewegung nun die Aussicht, selbst politische Veränderungen durchzusetzen.
Drugstore nennt die Straßenfeiern „Raveland“
Die Freude darüber teilen auch bekannte Namen der elektronischen Musikszene. Der Belgrader Club Drugstore veröffentlichte auf Instagram Aufnahmen der Feierlichkeiten und schrieb dazu schlicht „Raveland“. Karmakoma teilte ebenfalls Bilder von der Straße und kommentierte: „Students have won!“
Das EXIT Festival begrüßte den Ausgang mit „Freedom is back in Serbia“. Das Schwesterfestival No Sleep hatte zuvor lange Warteschlangen vor Wahllokalen gezeigt und die Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen. Diese ganzen Reaktionen bekommen durch die Geschichte der vergangenen Monate zusätzliches Gewicht. Besonders EXIT hatte sich öffentlich hinter die Studierenden gestellt und dafür nach eigener Darstellung einen hohen Preis bezahlt.
EXIT hatte wegen seiner Haltung um die eigene Zukunft gekämpft
Das Festival erklärte, dass öffentliche Fördermittel gestrichen worden seien und der staatliche Hauptsponsor seine Unterstützung zurückgezogen habe. Die Veranstalter führten diese Entscheidungen auf ihre Unterstützung der Studierendenproteste zurück. Deshalb sahen sie keine Möglichkeit, das EXIT Festival 2026 wie gewohnt an der Festung Petrovaradin in Novi Sad auszurichten.
Die Verbindung zur Bewegung reicht allerdings weiter zurück als dieser Konflikt. EXIT entstand 2000 selbst aus einer studentischen Initiative für Freiheit und Demokratie. Bei der Ausgabe 2025 bekamen die aktuellen Proteste auf dem Festival Raum, unter anderem durch studentische Beiträge und Solidaritätsbekundungen. Im Januar 2026 widmete das Team schließlich auch seine Auszeichnung als „Promoter of the Year“ bei den European Festival Awards den Studierenden. Wenn EXIT jetzt den Wahlsieg feiert, steht dahinter also eine Auseinandersetzung, die den eigenen Veranstaltungsort, Arbeitsplätze und die Möglichkeit betraf, öffentlich Haltung zu zeigen.
Nach dem Protest kommt die Verantwortung
Wie die neue parlamentarische Mehrheit regieren wird, muss sich erst zeigen. Der Wahlsieg erfüllt noch nicht die Forderungen nach Aufklärung, verlässlichen Institutionen und einem Ende der Korruption. Er eröffnet der Bewegung aber die Möglichkeit, daran zu arbeiten.
Für einen Moment darf trotzdem die Freude überwiegen. Wer über Monate auf die Straße gegangen ist, hat viel Zeit und Kraft in eine Hoffnung gesteckt, deren Ausgang lange ungewiss war. Jetzt kommen Menschen wieder zusammen, um etwas zu feiern, das sie gemeinsam erreicht haben. Dass Clubs und Festivals diesen Moment mit ihnen teilen, erzählt auch etwas darüber, wie eng eine Musikszene mit dem Leben außerhalb ihrer Türen verbunden sein kann.
Fotocredit: SergioOren, Generalni Strajk 24012025 SSSS, CC BY 4.0

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




