Am 20. September bringt Vertile seine „Everything Changes“-Liveshow gemeinsam mit Musical Madness erstmals nach Deutschland. Vor seinem Auftritt im Kölner Bootshaus hat er uns erzählt, welche persönliche Geschichte hinter dem gleichnamigen Album steckt, wie ihn dessen Entstehung selbst verändert hat und wie er seine Ideen in das besondere Live-Konzept übersetzt.
Vertile im Interview mit DJ Mag Germany
Hey Mees, danke, dass du dir heute Zeit für uns nimmst. Wo erwischen dich gerade, während du die Fragen beantwortest?
Vertile: Hi! Ich bin gerade in Los Angeles für meinen ersten Auftritt im Wasteland. Ich war schon ein paar Mal auf Nordamerika-Tour, aber das waren bisher immer Clubshows. Deshalb freue ich mich wirklich sehr auf diesen Gig!
Der Festivalsommer ist nun vorbei – was ist dein Fazit? Was waren deine Höhepunkte? Welche Learnings hast du vielleicht auch mitgenommen?
Vertile: Mann, um ehrlich zu sein, war es eine ziemlich verrückte Saison. Die offensichtlichen Dinge, wie zum Beispiel die Absage von Defqon, haben schon ziemlich stark beeinflusst, wie sich dieser Sommer angefühlt hat. Dazu kamen die vielen Veränderungen in der Szene und mein persönliches Wachstum, die ebenfalls einen großen Einfluss hatten.
Aber insgesamt blicke ich sehr positiv auf diese Saison zurück. Wir haben gesehen, dass unsere Szene eine Menge aushalten kann, offen für Veränderungen ist und unglaublich empfänglich für neue Dinge ist. In meiner persönlichen Karriere waren natürlich meine Everything Changes-Shows das Highlight.
„Everything Changes“: Wenn Veränderung zum Antrieb wird
Am 20. September steht ja ein weiteres großes Highlight für dich auf dem Programm: Deine „Everything Changes“-Show, gemeinsam mit Musical Madness, im Bootshaus in Köln – passend zum gleichnamigen Album. Was bedeutet für dich der Titel „Everything Changes“ und wie spiegelt sich das in deinem Artist-Ich Vertile wider?
Vertile: Everything Changes ist im Grunde die Zusammenfassung meiner bisherigen Karriere. Ich habe mich über die Jahre sehr verändert, eine Menge unterschiedlicher Musik gemacht und nach meinem Platz in der Szene gesucht. Irgendwann habe ich meinen eigenen Sound gefunden und meine Karriere ist explodiert.
Aber wenn man mittendrin in all dem steckt, merkt man auch, dass man sich ständig weiterentwickeln und eine eigene, aktuelle Haltung zu all dem einnehmen muss. Denn: Everything Changes. Ständig. Ob man will oder nicht.
„Everything Changes“ kann hoffnungsvoll, aber vielleicht auch ein bisschen beängstigend klingen. Welche dieser beiden Seiten steht für dich stärker im Mittelpunkt des Albums?
Vertile: Beide gleichermaßen, aber das verschiebt sich von Zeit zu Zeit. Veränderung ist selten einfach, aber ich habe festgestellt, dass sie mich vorantreibt, mich auf Trab hält und mich gleichzeitig relevant und neugierig auf neue Dinge hält.
Ich langweile mich schnell, lasse mich leicht ablenken, also zieht es mich wahrscheinlich ganz natürlich immer wieder zu Veränderungen hin. Klar, Veränderung ist schwierig, aber ich suche sie tatsächlich auch selbst.
Wenn du heute auf die Person zurückblickst, die mit der Arbeit an diesem Album begonnen hat: Was hat sich seitdem grundlegend geändert?
Vertile: Ich kann definitiv sagen, dass ich als ein anderer Mensch daraus hervorgegangen bin. Ein großer Teil meiner bisherigen Karriere war sehr DIY und ich mache auch heute noch vieles selbst. Aber ich musste auch erkennen, dass ich um meine Karriere weiterzuentwickeln und zu wachsen, um Hilfe bitten, offener für Vorschläge sein und mich mit Menschen umgeben muss, die nur das Beste für mich wollen.
Gerade meine Beziehungen zu Promotern, Events und Kollegen sind etwas, das ich im letzten oder in den letzten zwei Jahren viel mehr zu schätzen gelernt habe. Ich investiere mittlerweile ziemlich viel Zeit darin, meine Freunde und Kollegen zu supporten, selbst wenn ich nicht auf dem Line-up stehe.
Ich gehe zu fast jedem Event, hänge dort mit Leuten ab, rede mit ihnen und lerne. Die Bedeutung davon, füreinander da zu sein, Vertrauen in die Fähigkeiten und das Wissen des anderen zu haben, war eine unglaublich wertvolle Ergänzung zu meiner ansonsten sehr ausgeprägten DIY-Mentalität.
Gibt es einen Song auf dem Album, bei dem du während des Schreibens etwas über dich selbst verstanden hast, das dir vorher nicht bewusst war?
Vertile: Es gibt keinen bestimmten Song, den ich hier nennen könnte, aber jeder Song hatte ein Element dieser neu gewonnenen Erkenntnis. In unserer Szene kann eine Idee manchmal ziemlich oberflächlich sein – und das schließt meine eigene Arbeit in manchen Fällen mit ein. Bei diesem Album haben ich, mein Team und die Kollaborateure aber immer versucht, ein paar Schritte tiefer zu gehen.
Manchmal bedeutete das, musikalisch die extra Meile zu gehen, manchmal lyrisch. Aber man sieht es auch im Artwork und in den Videos. Es ist wirklich ein Herzensprojekt. Ich denke, man könnte also sagen, dass die Erkenntnis, die daraus entstanden ist, etwas war, dessen ich mir vorher nicht unbedingt bewusst war: Was dabei herauskommt, wenn man sich die Zeit nimmt, ein bisschen tiefer zu graben.
Zwischen Verletzlichkeit und maximaler Energie
Du produzierst deine Musik nicht nur selbst, sondern schreibst und singst auch deine eigenen Vocals. Fällt es dir schwerer, dich durch deine Stimme verletzlich zu zeigen als durch deine Produktionen?
Vertile: Am Anfang war es das. Zu singen ist viel konfrontierender, als hinter den Decks zu stehen. Aber gleichzeitig kannst du dich dadurch auch leichter öffnen.
Es gibt keinen DJ-Booth, hinter dem du dich verstecken kannst, und du kannst auch nicht einfach herumspringen, um deine Nervosität zu überspielen. Trotzdem fühlt es sich jedes Mal besser an, wenn ich auf die Bühne gehe und singe.
Ich werde immer selbstbewusster, was meine Fähigkeiten angeht, und auch was die Reaktion der Fans betrifft. Es ist wirklich, wirklich erfüllend, auf diese Art mit Menschen in Kontakt zu treten.
Hardstyle lebt oft von maximaler Energie und Härte. Wie findest du den Punkt, an dem emotionale Offenheit und starke Drops nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich gegenseitig verstärken?
Vertile: Das ist ein Balanceakt, mit dem ich ziemlich oft zu kämpfen habe. Den richtigen Punkt zu finden, ist normalerweise ein Prozess, bei dem ich immer wieder zwischen verschiedenen Arrangements, unterschiedlichen Hooks und Kicks hin und her gehe und mir gleichzeitig von verschiedenen Leuten Feedback hole und mir ihre ehrliche Reaktion anhöre. Das kann allerdings wirklich frustrierend sein!
Mit Band statt hinter der DJ-Booth
Für deine „Everything Changes“-Liveshow verlässt du die klassische DJ-Position und stehst mit einer Band auf der Bühne. Was kannst du in diesem Setting ausdrücken, das in einem regulären DJ-Set nicht möglich wäre und wie zeigt sich auch hier die Bedeutung von „Everything Changes“?
Vertile: Ich habe das Gefühl, dass ich mich viel leichter mit dem Publikum verbinden und ihnen wirklich ein „Stück von mir“ geben kann. Wie gesagt: Es gibt keine DJ-Booth, hinter dem du dich verstecken kannst. Du musst dich wirklich öffnen, einen echten Moment mit den Menschen teilen, und das ist unglaublich wertvoll.
Die Idee hinter der Band ist, den großen Sound der Tracks weiterhin präsent zu haben und gleichzeitig die Energie der anderen Jungs auf der Bühne zu spüren. Es ist einfach eine andere Atmosphäre und etwas Einzigartiges, das wir in unsere Szene bringen können.
Anfang des Jahres hast du „Everything Changes“ erstmals live in Eindhoven präsentiert. Gab es während dieser Premiere einen Moment, in dem du gemerkt hast: Dieses Konzept funktioniert genau so, wie ich es mir vorgestellt habe?
Vertile: Absolut! In dem Moment, als ich auf die Bühne gegangen bin, den komplett ausverkauften Saal gesehen habe und alle bei den ersten Noten, die wir gespielt haben, komplett durchgedreht sind.
In diesem Moment wurde mir klar, dass die Idee, die ich schon Jahre zuvor hatte, tatsächlich einen Platz in der Harddance-Szene hat und die musikalische Landschaft wirklich verändern könnte.
Die Effenaar Location in Eindhoven ist ein klassischer Konzertsaal, das Bootshaus hingegen einer der bekanntesten Clubs für elektronische Musik. Wie verändert dieser Raum die Wirkung und Inszenierung der Show?
Vertile: Es bringt definitiv einige Herausforderungen mit sich. Natürlich ist das Bootshaus nicht optimal für ein Konzert-Setting gebaut, aber wir nehmen genau das an und machen es zu einem Teil des Konzepts. Anstatt zu versuchen, aus dem Bootshaus etwas zu machen, was es nicht ist. Der Ort selbst ist mir und meinem Team natürlich sehr vertraut, deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir das Bootshaus für diese Nacht wie den größten Harddance-/Rock-Tempel Deutschlands wirken lassen können.
Grenzen aufbrechen, ohne das Wir zu verlieren
Was soll jemand, der das Bootshaus nach der Show verlässt, idealerweise nicht nur gehört oder gesehen, sondern über sich selbst verstanden haben?
Vertile: Idealerweise? Ich würde mir wünschen, dass sie das Gefühl haben, Teil einer neuen Generation von Musikliebhabern zu sein. Dass sie das fühlen, was ich fühle, wenn ich auf der Bühne stehe, und dieses Gefühl mit dem Rest der Welt teilen wollen. Die Musikindustrie und auch Musikfans neigen dazu, sich selbst in Schubladen zu stecken, in ihrer eigenen Spur zu bleiben und Menschen abzulehnen, die anders denken. Everything Changes, meine Musik, die Band und das Singen sollen all diese Grenzen so weit wie möglich aufbrechen.
Ich hoffe wirklich, dass die Leute das mitnehmen und es mit den Menschen um sich herum teilen.
Und zu guter Letzt: Der Albumtitel sagt, dass sich alles verändert. Gibt es gleichzeitig etwas in deinem Leben oder in deiner Musik, von dem du hoffst, dass es sich niemals verändern wird?
Die Liebe zu den härteren Styles und die Liebe, die diese Szene füreinander empfindet.
Diese Szene ist mit Abstand eine der offensten und inklusivsten Gruppen von Musikliebhabern auf der Welt. Du kannst sein, wer du sein möchtest, wann immer du möchtest, und niemanden interessiert es auch nur im Geringsten, wie anders du vielleicht bist. Ich hoffe wirklich von ganzem Herzen, dass sich das niemals verändert – ganz egal, wie groß das Genre noch wird. Denn dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sorgt dafür, dass Künstler wie ich die kreative Freiheit haben, zu experimentieren, den Hörer herauszufordern, sich weiterzuentwickeln und etwas Neues und Frisches zu erschaffen.
Vielen Dank für das Gespräch, Vertile!
Fotocredit: Press Pic

Autor
Julia Keiser
Head of Social Media, Head of Business Relations




