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Racines: „Unsere Wurzeln sind nicht still“

Racines: „Unsere Wurzeln sind nicht still“

Traditionelle Instrumente, moderne Synthesizer und sechs Sprachen verschmelzen bei Racines zu einem Sound zwischen Ritual und Dancefloor. Im Gespräch mit DJ Mag Germany sprechen Rokeya und Anissa über kulturelle Wurzeln, weibliche Schaffenskraft, ihr Debütalbum „Arilos Mennar“ und darüber, warum Musik für sie keine Grenzen kennt.

Vom Gesangsunterricht zum gemeinsamen Sound

Hallo, schön euch kennenzulernen! Wie geht es euch und wo erreichen wir euch gerade?

Racines: Hey, danke für die Einladung! Im Moment sind wir voller Energie nach der Veröffentlichung von „Arilos Mennar“ und beginnen gerade damit, das Album mit unseren ersten Shows zum Leben zu erwecken.

Wie ist 2022 der erste musikalische Funke zwischen euren beiden so unterschiedlichen Welten entstanden?

Racines: Es begann eigentlich ganz unkompliziert. Rokeya war bereits tief in ihrer eigenen klanglichen Forschung unterwegs, ließ sich von Einflüssen aus aller Welt inspirieren und suchte nach neuen Möglichkeiten, ihre Stimme als Instrument einzusetzen. Auf dieser Suche wollte sie eine Gesangslehrerin finden, die unkonventionell arbeitet – jemanden, dessen Blick über europäische Strukturen hinausgeht und einen interkulturellen Ansatz verfolgt. Genau diese Person war Anissa.

Aus dem Unterricht entwickelte sich der erste musikalische Austausch. Später lud Rokeya Anissa ein, auf einigen ihrer Tracks mitzuwirken. Doch als wir diese Songs schließlich live spielten, passierte etwas, womit keiner von uns gerechnet hatte: Das Publikum wollte, dass aus dieser Zusammenarbeit ein festes Duo wird. In gewisser Weise haben also nicht wir allein beschlossen, Racines zu gründen – die Menschen, die uns gehört haben, erkannten das Potenzial dieser Verbindung sogar früher als wir selbst.

Racines bedeutet „Wurzeln“. Welche Bedeutung trägt dieser Name im Hinblick auf eure unterschiedlichen kulturellen Hintergründe?

Racines: „Racines“ – also „Wurzeln“ – steht genau dafür: zwei unterschiedliche Herkunftsgeschichten, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern aus demselben Boden wachsen. Das ist keine nachträgliche Metapher, sondern beschreibt genau unsere Arbeitsweise. Unsere jeweiligen Ursprünge bleiben sichtbar und verweben sich mit der ganzen Welt. Unser Sound lebt von dieser gegenseitigen Durchdringung, ohne dass unsere Wurzeln verloren gehen.

Granatapfelkerne, Feuer und sechs Sprachen

Welche klangliche Vision bildete die Grundlage für euer Debütalbum „Arilos Mennar“?

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Racines: Schon der Titel trägt diese Vision in sich: Arilos sind Granatapfelkerne – eine Frucht, die im Mittelmeerraum für Widerstandskraft, Wiedergeburt sowie das Zusammenspiel von Leben und Tod steht. Ein einzelner Granatapfel enthält Hunderte verschiedener Kerne. Mennar bedeutet im algerischen Arabisch „aus Feuer“.

Das Album basiert genau auf diesem Bild: viele unterschiedliche Wurzeln aus derselben Erde zu sammeln und sie durch elektronische Musik in Flammen aufgehen zu lassen.

Auf dem Album kommen sechs Sprachen zusammen. Geht es euch dabei in erster Linie um den Klang der Worte oder um ihre eigentliche Bedeutung?

Racines: Wir beginnen nie bei der Bedeutung, sondern immer beim Sound.

Arabisch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Griechisch und Ladino sind für uns keine sechs getrennten Sprachen, sondern dieselbe Muttersprache in sechs verschiedenen Akzenten. Genau so denken wir auch – wir wechseln ganz selbstverständlich zwischen ihnen.

Jede Sprache besitzt ihre eigene Textur und ihre eigene körperliche Schwingung, noch bevor ihr Inhalt überhaupt wahrgenommen wird. Genau diese Schwingung suchen wir beim Schreiben. Die Stimme wird dadurch in jeder Hinsicht zum Instrument. Entscheidend ist, wie sie im Körper resoniert, nicht nur, was sie erzählt. So verschmelzen die Sprachen zu einer einzigen vielstimmigen Stimme, ohne dass eine von ihnen dominiert.

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Oud, Duduk und traditionelle Percussion treffen auf moderne Synthesizer. Wie verhindert ihr, dass die elektronischen Elemente die traditionellen Instrumente überlagern?

Racines: Das Projekt entstand zwar in einem überwiegend elektronischen Umfeld, doch oft waren gerade akustische Instrumente der Ausgangspunkt für das Songwriting – etwa die Begegnung mit der Oud in „Rumman“ oder mit traditionellen Blasinstrumenten in „Aman“ und „Meken Merteh“.

Mit der traditionellen Percussion verlief dieser Prozess fast symbiotisch. Viele Ideen entstanden direkt aus traditionellen Rhythmusmustern und Grooves, die als rhythmische Grundlage für unsere Kompositionen dienten.

Das Weibliche wird in eurer Musik als kreative Kraft beschrieben. Wie prägt diese Sichtweise das Album?

Racines: Das Weibliche ist für uns nichts Dekoratives, sondern etwas Grundlegendes. Es zeigt sich als das Feuer von Mennar – als eine Kraft, die erschafft, statt zu zerstören. Diese Haltung zieht sich durch jede Zusammenarbeit, die wir eingehen. Sie ist unser Arbeitsprinzip: Wurzeln schlagen und sich anschließend verwandeln, ohne dafür um Erlaubnis zu bitten.

„Nari“ brennt ohne Regeln

Für eure neue Single „Nari“ habt ihr mit Produzent Borda zusammengearbeitet. Wie ist diese kreative Zusammenarbeit entstanden?

Racines: Die Zusammenarbeit ergab sich ganz natürlich, weil wir einen sehr ähnlichen Musikgeschmack und kulturellen Hintergrund teilen. Uns verbinden globale Rhythmen, elektronische Musik und die Idee, traditionelle Elemente mit zeitgenössischer Produktion zu verbinden.

Durch diese gemeinsame Vision verlief der kreative Prozess beinahe mühelos. Wir verstanden sofort, in welche Richtung wir wollten, und konnten etwas schaffen, das sich für beide Seiten authentisch anfühlt.

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„Nari“ handelt von Verlangen und Schmerz. Welche emotionale Geschichte erzählen Text und Gesang?

Racines: Es ist die Geschichte einer Liebe, die ohne Regeln brennt – einer Liebe, die Leben schenken kann und gleichzeitig den Menschen, der sie lebt, bis in die Wurzeln hinein verzehrt.

Bordas Remix bringt Footwork- und Dancehall-Elemente ins Spiel. Wie verändert dieser rhythmische Ansatz die Wirkung des Songs auf dem Dancefloor?

Racines: Der Remix macht den Track deutlich energiegeladener und explosiver. Die von Footwork inspirierten Rhythmen sorgen für Intensität und Unvorhersehbarkeit, während der Dancehall-Groove starke Bewegung und Körperlichkeit hineinbringt. Gemeinsam verleihen diese Elemente dem Song eine völlig neue Energie. Er wirkt dynamischer, verspielter und ist wie geschaffen für den Dancefloor, ohne den Geist des Originals zu verlieren.

Wurzeln, die klingen und sichtbar werden

Borda sagt: „Unsere Wurzeln singen unter uns.“ Trifft dieser Gedanke den Kern von Racines?

Racines: Dieser Satz beschreibt genau das, worauf Racines aufgebaut ist. Unsere Wurzeln sind nicht still. Sie sind nicht nur unsere Herkunft, sondern sie klingen unter allem mit, was wir tun – in den Sprachen, den Rhythmen und den Instrumenten, die wir auswählen.

Die Arbeiten der Illustratorin Marie Cécile verbinden Frauen mit der Natur. Wie spiegelt das Artwork die Musik von „Arilos Mennar“ wider?

Racines: Marie Cécile besitzt eine außergewöhnliche Sensibilität. Sie schafft es, jene feine weibliche Kraft einzufangen, die leise wirkt und dennoch enorme Stärke entfaltet.

In ihren leuchtenden Farben verschmelzen Frau und Natur zu einer Einheit – ähnlich wie unser Bild vom Granatapfel und vom Feuer: etwas, das aus der Erde kommt und sich verwandelt, ohne seine Wurzeln zu verlieren.

Das Artwork illustriert das Album nicht einfach, sondern erweitert es. Beim Betrachten spürt man dieselbe Spannung zwischen Verwurzelung und Transformation, die sich durch „Arilos Mennar“ zieht.

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Euer Sound erinnert oft an die Länder des Globalen Südens. Wie würdet ihr diese Klanglandschaft ohne feste Grenzen beschreiben?

Racines: Wir denken dabei weniger an eine Landkarte als an eine Strömung. Field Recordings, modale Skalen und Sprachen von verschiedenen Küsten sollen kein einzelnes Land repräsentieren. Sie bewegen sich vielmehr wie Wasser oder Migration – ohne Grenzkontrollen.

Der Globale Süden ist für uns kein geografischer Ort, sondern ein gemeinsamer Zustand der Vielfalt.

Ein Live-Ritual aus Klang und Bild

Eure Mischung aus Gesang, Ritual und Elektronik verlangt viel Feingefühl. Wie bringt ihr dieses Universum auf die Bühne?

Racines: Live versuchen wir, die ursprüngliche, archaische Seite des Albums wieder aufleben zu lassen und elektronische sowie akustische Welten in einem gemeinsamen, lebendigen Klangfluss miteinander sprechen zu lassen.

Ganz konkret verbinden sich Anissas Stimme und ihre Handpercussion – Bendir und Darabouka – mit Rokeyas elektronischem Setup aus APC40, Drum Pad und Kaoss Pad. Dabei übernimmt keine der beiden Klangwelten die Oberhand.

Hinzu kommen die Visuals, die ebenfalls von Rokeya gestaltet werden. Sie sind keine bloße Hintergrundprojektion, sondern ein drittes Instrument, das gemeinsam mit der Musik atmet und den rituellen, fast hypnotischen Charakter unserer Performance sichtbar macht.

Dieses Gleichgewicht funktioniert durch das Vertrauen von drei Menschen: uns beiden auf der Bühne und unserem FOH-Techniker Simone, der dafür sorgt, dass Ritual und Groove klanglich im Gleichgewicht bleiben.

Das Publikum soll nicht das Gefühl haben, eine elektronische Basis mit Gesang darüber zu hören, sondern einen einzigen lebendigen Organismus aus Klang und Bild erleben, der in Echtzeit atmet.

Welche Botschaft oder welches Gefühl sollen die Menschen nach dem letzten Ton des Albums mitnehmen?

Racines: Dass Vielfalt kein Kompromiss, sondern eine Stärke ist. Wir wünschen uns, dass die Menschen nach dem Hören das Gefühl mitnehmen, dass Wurzeln einen nicht an einen Ort fesseln müssen – sie können mit einem reisen und trotzdem Halt geben.

Vielen Dank für das Gespräch, ihr zwei.

Fotocredit: Press Pic

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Angie Menge

Autor

Angie Menge

Social Media Managerin