Brasiliens größtes Festival für elektronische Musik bringt zwei unterschiedliche Generationen und Ästhetiken der Clubkultur zusammen
Ein Artikel von Nazen Carneiro, exklusiv für DJ Mag Germany.
Als Vintage Culture das Line-up der nächsten Ausgabe von Só Track Boa veröffentlichte, fiel eine Kollaboration sofort ins Auge: Mochakk b2b Clementaum.
Auf den ersten Blick wirkt diese Kombination ungewöhnlich. Mochakk zählt inzwischen zu den international sichtbarsten Exporten der brasilianischen elektronischen Musikszene und bewegt sich zwischen großen Festivals, Ibiza-Residencies und Headliner-Auftritten in Clubs weltweit. Clementaum hingegen stammt aus Brasiliens Underground- und Queer-Clubszene und etablierte sich mit hybriden Sets, die brasilianischen Funk, Tribal House, Vogue Beat, Guaracha, Latin Club Music und Ballroom-Kultur miteinander verbinden.
Gleichzeitig könnte diese Ankündigung auch etwas Grundsätzlicheres über den aktuellen Zustand der brasilianischen elektronischen Musik aussagen: die zunehmende Bereitschaft, unterschiedliche Szenen, Publika und Identitäten direkt miteinander in Beziehung zu setzen.
In den vergangenen drei Jahren hat sich Clementaums Karriere deutlich über die brasilianische Underground-Szene hinaus entwickelt. Die Künstlerin, geboren im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná und später nach São Paulo gezogen, entwickelte einen Sound, der tief in der brasilianischen Funk-Kultur verwurzelt ist und gleichzeitig lateinamerikanische Club-Referenzen sowie eine performative DJ-Ästhetik integriert. International gewann sie zunehmend an Präsenz, unter anderem mit Auftritten in Berlin und Ferropolis in Deutschland sowie in Barcelona, Madrid, Málaga, San Sebastián und Sevilla in Spanien. Hinzu kamen Performances in Institutionen und auf Festivals wie Berghain, Nitsa, Primavera Sound, Draaimolen Festival und Unsound Festival in Krakau. Auch ihre Residency bei Rinse FM positionierte sie stärker innerhalb des internationalen Clubdiskurses. Clementaum ist außerdem für das Sónar Festival 2026 in Barcelona bestätigt.
Hört euch Clementaums exklusives DJ-Set für die Radioshow von DJ Mag Brasil an:
Ein kürzlich erschienener Pressebeitrag bezeichnete Clementaum als eine „brasilianische Naturgewalt“ und hob sowohl ihren performativen Ansatz hinter den Decks als auch ihre Rolle bei der Sichtbarkeit queerer und weiblicher Repräsentation innerhalb der brasilianischen Funk- und Clublandschaft hervor. Gleichzeitig wurde beschrieben, wie ihre Sets brasilianischen Funk mit Einflüssen aus Guaracha, Tribal und Vogue Beat verbinden und damit Sounds des Globalen Südens einem breiteren internationalen Publikum näherbringen.
Auch ihr aktueller Tourkalender spiegelt diese Entwicklung wider. Clementaum ist gerade von einer Tour durch Australien und Indonesien zurückgekehrt und bereitet sich nun auf eine weitere Europa-Tour vor, darunter ein Auftritt beim Sónar in Barcelona. In Brasilien spielte sie zuletzt bei Time Warp Brasil, Hopi Pride und nun auch bei der kommenden Ausgabe von Só Track Boa. Für Clementaum steht die Zusammenarbeit mit Mochakk für mehr als nur ein einmaliges Festival-Konzept.

Obwohl wir unterschiedlich sind, ergänzen wir uns innerhalb der elektronischen Musik. Auf der einen Seite steht Mochakk als Künstler, der Brasilien mit seiner eigenen Identität im House- und Techno-Bereich international repräsentiert. Auf der anderen Seite bringe ich Club Music, Tribal House, Techno, Ballroom-Kultur und lateinamerikanische Rhythmen in eine sehr brasilianische Ästhetik ein. Das wird eine bisher einmalige Fusion.
Auch die symbolische Dimension dieser Zusammenarbeit spielt innerhalb der brasilianischen elektronischen Szene eine wichtige Rolle, insbesondere angesichts der historischen Distanz zwischen Mainstream-Festivalstrukturen und queeren Underground-Räumen.
Seht Clementaum bei Time Warp Brasil:
Zwei Brasilianer*innen zusammenzubringen, eine Person aus dem Mainstream und eine aus der Underground- und Queer-Szene, kann sehr kraftvoll sein. Das schafft mehr Sichtbarkeit für die Vielfalt und Pluralität der brasilianischen elektronischen Musik.
Diese Vielfalt prägt zunehmend auch Brasiliens internationale Relevanz innerhalb der Dance-Music-Szene. Während frühere globale Wellen aus dem Land häufig mit Tech House oder festivalorientierten Sounds verbunden wurden, exportieren jüngere Künstlergenerationen heute stärker fragmentierte und kulturell hybride Identitäten, die sich auf Funk, Ballr“oom, Tribal, Latin Club Music und regionale Szenen beziehen.
Vor diesem Hintergrund könnte die kuratorische Entscheidung von Só Track Boa, Mochakk und Clementaum gemeinsam auf eine Bühne zu bringen, auf einen breiteren Wandel innerhalb großer Festivals hinweisen. Statt Underground- und kommerzielle Zielgruppen strikt voneinander zu trennen, experimentieren Veranstaltungen zunehmend mit Überschneidungen zwischen Szenen, die zuvor weitgehend unabhängig voneinander existierten.

Sie zeigen Diversität und Pluralität innerhalb der brasilianischen elektronischen Musik, über die Ausrichtung des Festivals. Sie entfernen sich vom Erwartbaren und gehen neue Wege.
Einer der interessantesten Aspekte des Auftritts könnte die Dynamik des Publikums werden. Mochakks internationales Publikum und Clementaums Underground-Community bewegen sich normalerweise nicht in denselben Räumen. Das durch dieses b2b entstehende Zusammentreffen könnte jedoch beiden Seiten neue Perspektiven innerhalb der brasilianischen Clubkultur eröffnen. Die Publika beider Seiten werden die jeweilige Arbeit der anderen Künstler*innen kennenlernen. Das wird sowohl für Clementaum als auch für Mochakk positiv sein.
Ob dieses Set ein einmaliges Experiment bleibt oder der Beginn weiterer Kollaborationen wird, ist offen. Die Ankündigung hat jedoch bereits jetzt etwas erreicht, das in einer zunehmend vorhersehbaren Festival-Landschaft selten geworden ist: echte Neugier auszulösen. Bei einem der größten elektronischen Musikfestivals Brasiliens wurde ein unerwartetes b2b zu einer der meistdiskutierten Buchungen des Programms.
Credit: Press Pic

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