Zum 30-jährigen Jubiläum blickt das Amsterdam Dance Event nicht nur zurück. Bei ADE Green diskutiert die Branche, wie Touring klimafreundlicher, Nachtleben gerechter und Festivals widerstandsfähiger werden können.
Extremwetter wird zur Planungsfrage
Der Festivalsommer 2026 hat erneut gezeigt, wie schnell eine Wetterlage selbst die größten Produktionen stoppen kann. Ende August fiel etwa die erste Ullevi-Show von Swedish House Mafia einem schweren Gewitter zum Opfer. Was vielerorts noch als Ausnahme behandelt wird, könnte für Veranstalter zunehmend zum festen Bestandteil ihrer Planungen werden.
Genau dort setzt das diesjährige ADE-Green-Programm an. Am Freitag, 23. Oktober, übernimmt das Format für einen kompletten Konferenztag das Felix Meritis in Amsterdam. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Mülltrennung, Emissionen oder Mehrwegbecher. ADE Green verbindet ökologische Fragen mit der sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der elektronischen Musik.
Besonders aktuell ist das Panel „Prepared? How the Coming Super El Niño Will Affect You“. Unter diesem bewusst alarmierenden Titel soll diskutiert werden, wie sich Festivals, Veranstalter und Artists auf häufiger auftretende Extremwetterlagen vorbereiten können und welche Gegenmaßnahmen sich bereits im Vorfeld einplanen lassen.
Gleichzeitig beschäftigt sich „The Road to Low Impact Touring“ mit der anderen Seite der Klimafrage. Batterietechnologie, langsamere Tourneeplanungen und neue Produktionsmodelle sollen dabei helfen, den ökologischen Fußabdruck von Tourneen zu verkleinern. Die Branche muss sich also nicht nur an veränderte Bedingungen anpassen, sondern auch ihren eigenen Anteil daran reduzieren.
Warum Menschen weiterhin Dancefloors brauchen
Eine der spannendsten Sessions stellt eine noch grundsätzlichere Frage: Warum brauchen Menschen überhaupt weiterhin Dancefloors?
Ausgangspunkt von „Why Humans Still Need Dance Floors“ sind Einsamkeit, gesellschaftliche Polarisierung und eine Welt, in der Verbindung immer häufiger über Bildschirme stattfindet. Artists, Clubs, Forschende und Community-Projekte sprechen darüber, welchen Beitrag Dancefloors zu Wohlbefinden, Gemeinschaft und gesellschaftlichem Zusammenhalt leisten können.
Damit wird der Club nicht nur als Ort der Unterhaltung betrachtet. Er kann einer der wenigen Räume sein, in denen Menschen einander begegnen, ohne dass ein Algorithmus vorher bestimmt, wer ihnen angezeigt wird. ADE Green macht diese soziale Funktion zu einem zentralen Bestandteil der Nachhaltigkeitsdebatte.
Nachhaltigkeit endet nicht beim CO₂-Ausstoß
Auch wirtschaftlich stehen viele Musikszenen unter Druck. Das Panel „Funding Under Fire“ bringt Perspektiven aus Kyiv, Ramallah und Beirut zusammen und untersucht, wie kulturelle Räume bestehen können, wenn öffentliche Förderung und traditionelle Einnahmequellen wegbrechen. Im Mittelpunkt stehen gemeinschaftlich finanzierte Modelle, kulturelle Erhaltung und die Rolle von Musikorten in Krisenzeiten.
Weitere Programmpunkte beschäftigen sich mit Geschlechtergerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit und der Frage, wie die elektronische Musikbranche Eltern besser unterstützen kann. „Ethics of the Dance“ wiederum widmet sich dem Verhältnis von Drogen, Vergnügen, Sicherheit und Verantwortung im sich wandelnden Nachtleben.
Bereits am Donnerstag diskutieren Novah, SPFDJ, HoneyLuv und LYZZA über Gatekeeping, datenbasierte Booking-Entscheidungen und darüber, wer tatsächlich Zugang zu den großen Bühnen erhält.
Praktischer wird es beim Format „Meet the Experts“. In fünf Gesprächsrunden können Besucher mit insgesamt 15 Fachleuten unter anderem über mentale Gesundheit, Inklusion, Batteriestrom, emissionsfreie Mobilität und Vinyl aus pflanzenbasierten Materialien sprechen.
30 Jahre ADE und die Frage nach den nächsten 30
Das Amsterdam Dance Event findet 2026 vom 21. bis 25. Oktober statt. ADE Green ist ausschließlich mit einem ADE Pro Pass zugänglich. Tagestickets werden nicht angeboten, zudem weist das ADE auf eine begrenzte Zahl an Plätzen hin.
Zum 30-jährigen Jubiläum wird ADE Green damit nicht zur nostalgischen Rückschau, sondern zum Realitätscheck. Die Zukunft der Dance-Kultur entscheidet sich schließlich nicht nur am nächsten Headliner oder musikalischen Trend. Entscheidend wird auch sein, ob ihre Räume sicher, zugänglich und widerstandsfähig bleiben.
Fotocredit: Guap Ahmed

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




