Deutschland wurde am 3. Oktober 1990 politisch wiedervereinigt. Auf Berlins Tanzflächen hatte eine andere Form des Zusammenwachsens bereits begonnen – in Kellern, Brachen und ehemaligen Industriegebäuden, getragen auch von einem Sound aus Detroit. Wie Techno zum Soundtrack des Aufbruchs wurde und warum diese Geschichte mehr ist als eine Legende von grenzenloser Freiheit.
Unter Berlin liegt eine andere Geschichte der Einheit
Mitten in Berlin öffnet sich an diesem 3. Oktober ein Ort, der lange verborgen war. Zum Tag der Deutschen Einheit wird in den unterirdischen Räumen des Kraftwerks Berlin die Ausstellung „Tanzflächen der Wiedervereinigung“ mit einer Vernissage für geladene Gäste eröffnet. Für das Publikum ist sie ab dem 4. Oktober zugänglich. Mehr als 30 Beiträge aus Archiven, persönlichen Erinnerungen und künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich mit dem Zusammenleben rund um den Mauerfall. Es geht um Berliner Clubs, aber auch um Jugendkulturen in ostdeutschen Städten und auf dem Land.
Der Ort passt zu dieser Geschichte. Das ehemalige Heizkraftwerk Mitte entstand zwischen 1960 und 1964; der Bau der Berliner Mauer fiel in diese Zeit. Seit 2007 ist hier der Tresor zu Hause. Heute wird in dem Gebäude auch daran erinnert, wie Menschen die Freiräume nach dem Ende der Teilung nutzten – und wie unterschiedlich sie diese Zeit erlebten.
Denn die Geschichte von Techno und Wiedervereinigung ist keine einzige lange Erfolgsgeschichte. Aber sie erklärt, warum eine Musik für so viele Menschen weit mehr wurde als der Sound einer guten Nacht.
Die Szene war schon vor der Einheit da
Die Geschichte des Berliner Techno begann nicht erst mit dem Mauerfall. Im Westberliner Ufo liefen Acid House und frühe Techno-Klänge bereits zuvor. Am 1. Juli 1989 zogen bei der ersten Loveparade rund 150 Menschen über den Kurfürstendamm. Die Grenze war noch geschlossen, die Szene klein.
Nach dem 9. November kamen neue Gäste hinzu. Menschen aus Ostberlin konnten nun die Clubs besuchen, deren Musik sie zuvor etwa über das Westradio kennengelernt hatten. Wie schnell sich die Szenen begegneten, beschrieb Paul van Dyk bereits 1995 in einem bei der taz veröffentlichten Text: „Das hat, glaube ich, knapp zwei Tage gedauert.“ Am Donnerstag hatten sich die Grenzen geöffnet, am Samstag wurde seiner Erinnerung nach gemeinsam im Ufo gefeiert.
Bis zur politischen Einheit sollten noch fast elf Monate vergehen. Auf manchen Tanzflächen war die Begegnung längst Alltag geworden.
Das heißt nicht, dass ein gemeinsamer Beat sämtliche Unterschiede verschwinden ließ. Aber in den Clubs konnten Menschen etwas miteinander anfangen, ohne zuerst ihre Herkunft erklären zu müssen. Bei vielen Tracks stand kein Text im Mittelpunkt, sondern ein Rhythmus, zu dem sich alle im Raum bewegen konnten. Die Musik bot einen gemeinsamen Ausgangspunkt, wo im Alltag noch vieles fremd war.
Wie persönlich die Erinnerung an diese Zeit sein kann, erzählte uns Paul Kalkbrenner 2018 im Interview. Er war bei der Wiedervereinigung 13 Jahre alt. Als Kind schlug er Stücke aus der Mauer, verkaufte sie und kaufte sich vom Erlös Micky-Maus-Hefte. Mit Techno hatte er damals noch wenig zu tun. Über die Stimmung nach dem Ende der DDR sagte er: „Die meisten blickten mit dem Ende der DDR in eine Zukunft voller Hoffnung und davon hat der Techno profitiert.“

Loveparade auf dem Berliner Tauentzien, 1995 (Foto: Denis Barthel, Loveparade 1995 Tauentzien 02, CC BY-SA 4.0)
Eine Stadt voller Lücken
Nach dem Mauerfall wurde in Berlin nicht nur eine Grenze geöffnet. In der Stadt gab es ungenutzte Fabriken, Bunker und Kellerräume, an manchen Orten waren Eigentumsfragen und Zuständigkeiten ungeklärt. Daraus entstanden Möglichkeiten, die eine durchgeplante Stadt kaum geboten hätte. Veranstalter und Clubmacher nutzten Räume, bevor über ihre Zukunft entschieden war.
Die Rave-Reihe Tekknozid und Clubs wie Planet, Tresor und später das E-Werk prägten diese Entwicklung. Daneben gab es temporäre Partys, deren Orte nur wenigen Eingeweihten bekannt waren. Nicht jede Nacht war der Beginn einer Institution. Oft reichte es, für ein Wochenende einen Raum und eine Anlage zu haben.
Kaum ein Club verkörpert diese Zeit so sehr wie der Tresor. Am 13. März 1991 öffnete er in der Leipziger Straße 126. Gefeiert wurde im erhaltenen Tresorraum des früheren Kaufhauses Wertheim, nahe dem ehemaligen Mauerstreifen. Schließfächer, Stahl und niedrige Decken waren kein nachträglich entworfenes Clubdekor. Sie waren schlicht da. Aus diesem Keller wurde einer der einflussreichsten Clubs der internationalen Technoszene.
Hier liegt der Kern der Verbindung zwischen Mauerfall und Techno. Der politische Umbruch brachte die Musik nicht hervor. Er veränderte ihre Möglichkeiten: mehr zugängliche Orte, neue Begegnungen, Platz für Experimente. Eine bereits vorhandene Szene konnte wachsen und die Stadt auf eine Weise prägen, die noch wenige Jahre zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre.

Der ursprüngliche Tresor in der Leipziger Straße, September 2003. Zwei Jahre später schloss der Club an diesem Standort. (Foto: MichaelBrossmann)
Berlin hat Techno nicht erfunden
Wer die Geschichte nur aus Berliner Perspektive erzählt, lässt einen entscheidenden Teil weg. Techno entwickelte sich in den 1980er-Jahren maßgeblich in Detroit, geprägt von Schwarzen amerikanischen Musikern. Die Berliner Szene schöpfte zugleich aus weiteren Einflüssen, darunter Chicago House, EBM und die britische Ravekultur. Die Freiräume nach dem Mauerfall trafen auf eine musikalische Entwicklung, die längst international war.
Der Tresor wurde zu einem wichtigen Knotenpunkt dieses Austauschs. Juan Atkins, Blake Baxter, Jeff Mills, Robert Hood und Underground Resistance prägten die Verbindung zwischen Detroit und Berlin. Das ebenfalls 1991 gegründete Label Tresor Records veröffentlichte ihre Musik und die weiterer Künstler aus Detroit. Aus Gastspielen und Plattenveröffentlichungen entstanden Kontakte, die über Jahrzehnte hielten.
Berlin war dabei nicht bloß ein Abspielort. DJs, Produzenten und Clubmacher entwickelten eigene Vorstellungen davon, wie diese Musik klingen und in welchen Räumen sie stattfinden sollte. Trotzdem gehört Detroit ins Zentrum der Erzählung. Die Geschichte der deutschen Technokultur ist auch eine Geschichte darüber, wie Musik Grenzen überschritt – nicht nur die zwischen Ost und West.
Der Dancefloor war keine heile Welt
Eine leerstehende Fabrik konnte ein neuer Club werden. Sie konnte aber auch für einen verlorenen Arbeitsplatz stehen. Beide Erfahrungen gehörten zur Nachwendezeit, manchmal in derselben Straße.
Die Jahre nach der Wiedervereinigung waren für viele Menschen von Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und dem Verlust vertrauter Strukturen geprägt. Hinzu kamen rassistische Gewalt und die Erfahrung vieler Ostdeutscher, dass andere über ihre Zukunft entschieden. Wer diese Zeit nur als endlosen Rave erzählt, blendet einen großen Teil ihrer Wirklichkeit aus.
Auch innerhalb der Clubszene war nicht jeder willkommen. Türen, soziale Codes und Vorurteile bestimmten mit, wer Zugang bekam. Und die Erinnerung an das wilde Berlin der 1990er-Jahre rückte später oft dieselben Clubs und bekannten Namen in den Mittelpunkt.
Dabei reicht die Geschichte weit darüber hinaus. Queere, migrantische und Schwarze Communities, Jugendclubs, Punk- und Hip-Hop-Szenen gehörten ebenso zur kulturellen Neuordnung. Außerhalb Berlins entstanden eigene Treffpunkte und Netzwerke. Einheit wurde nicht nur in den Clubs verhandelt, die später weltberühmt wurden.
Die Kuratorinnen der Ausstellung „Tanzflächen der Wiedervereinigung“ wollen genau solche unterschiedlichen Erfahrungen nebeneinanderstellen. Ihr Ansatz ist wichtig: Gemeinsames Feiern bedeutete nicht, dass alle dieselbe Freiheit erlebten. Für viele Menschen konnten diese Orte trotzdem Halt bieten, Freundschaften ermöglichen und einen Alltag öffnen, der sonst wenig Spielraum ließ.
Kulturerbe braucht Räume
2024 wurde die „Technokultur in Berlin“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Eine Kultur, die sich auch in ungenehmigten Partys und provisorischen Räumen entwickelte, wird heute offiziell gewürdigt.
Die Anerkennung schützt Clubs aber nicht automatisch vor einer Kündigung. Der ursprüngliche Tresor schloss 2005, sein Keller wurde für die Neubebauung des Geländes abgerissen. Heute setzen steigende Kosten, Flächenkonkurrenz und Lärmschutzkonflikte Clubs unter Druck. Die Bedingungen sind andere als Anfang der 1990er-Jahre. Die Abhängigkeit von verfügbaren Räumen ist geblieben.
Auch die heute beginnende Festivalwoche zum „Tag der Clubkultur“ greift das auf. Bis zum 11. Oktober beschäftigen sich mehr als 110 Berliner Clubs, Kollektive und Initiativen unter dem Motto „STAY CORE“ damit, was den Kern ihrer Kultur ausmacht und wie sie ihn unter wachsendem Druck erhalten können.
Wer Techno als Kulturerbe anerkennt, muss sich deshalb auch mit seinen Voraussetzungen beschäftigen. Eine Szene lebt nicht allein von ihrer Geschichte. Sie braucht Orte, an denen neue entstehen kann.
Einheit lässt sich nicht auf ein Datum reduzieren
Techno hat die Mauer nicht zu Fall gebracht. Die Musik hat auch die Unterschiede zwischen Ost und West nicht beseitigt. Sie ermöglichte aber Begegnungen, aus denen etwas Gemeinsames entstehen konnte, während Politik und Verwaltung noch über neue Strukturen, Zuständigkeiten und Eigentum verhandelten.
Das macht die Tanzflächen zu einem Teil der deutschen Einheitsgeschichte. Nicht als Beweis dafür, dass damals alles gut war. Sondern als Orte, an denen Menschen miteinander Zeit verbrachten, Freundschaften schlossen und eine Kultur mitgestalteten, deren Zukunft noch offen war.
Die politische Einheit hat ein Datum: den 3. Oktober 1990. Das gesellschaftliche Zusammenwachsen ließ sich damit nicht abschließen. Ein Teil davon begann im Nebel, hinter Stahltüren und zu einem Bass, der aus Detroit kam.
Fotocredit: Vietinghoff, Berlin-Mauerfall-2-10-November-1989, CC0 1.0

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




