Atmozfears sieht im Hardstyle kein Qualitätsproblem, dafür aber immer weniger eigene Handschrift. Im Podcast „PLAFONDDIENST“ spricht er über kopierte Trends, Social-Media-Druck und Musik, die sich für ihn teilweise wie Fabrikarbeit anfühlt. Seine Forderung an die Szene: weniger Formeln, mehr Risiko.
Früher reichte ihm eine Millisekunde
Seit fast 15 Jahren gehört Atmozfears zu den prägenden Produzenten der Hardstyle-Szene. Hinter dem Namen steht der Niederländer Tim van de Stadt, der mit Tracks wie „Release“, der Qlimax-Hymne „Equilibrium“ und zahlreichen Kollaborationen längst seine eigene Handschrift entwickelt hat.
In der aktuellen Folge von „PLAFONDDIENST – De Hardstyle Podcast“ spricht er nun ausführlich darüber, was ihm im heutigen Hardstyle fehlt. Dabei stellt er ausdrücklich klar, dass die Qualität neuer Produktionen nicht das Problem sei. Technisch werde weiterhin viel gute Musik veröffentlicht. Durch die enorme Menge falle es ihm jedoch zunehmend schwer, die wirklich besonderen Tracks zu finden.
„Früher konnte ich buchstäblich eine Millisekunde eines Tracks hören und wusste sofort, von wem er war“, erklärt Atmozfears. Heute könne er bei vielen Produktionen kaum noch erkennen, wer eigentlich dahinterstecke. „Ich vermisse ein wenig die Authentizität.“
Dual Damage als Vorbild – und Vorlage für andere
Als positives Beispiel nennt Atmozfears das Duo Dual Damage. Die beiden hätten einen Sound entwickelt, der sich zunächst deutlich vom Rest der Szene abgehoben habe. Das Problem beginne für ihn erst danach. Sobald eine neue Richtung funktioniere, würden viele Produzenten versuchen, genau diesen Stil nachzubauen. Sinngemäß laute die Reaktion dann: Das ist jetzt der angesagte Sound, also machen wir ihn ebenfalls. „Das finde ich so schade“, sagt Atmozfears.
Seine Kritik richtet sich damit nicht gegen Dual Damage, sondern gegen die Mechanismen, die nach einem Erfolg einsetzen. Aus einer eigenständigen Idee werde schnell eine Formel, die so lange kopiert wird, bis kaum noch zu erkennen ist, wer welchen Track produziert hat.
Wenn die Musik nicht mehr die Hauptfigur ist
Für Atmozfears geht das Problem über den Sound hinaus. Der Künstler, seine Marke und die Sichtbarkeit in den sozialen Medien seien heute wichtiger geworden. Er könne nachvollziehen, warum das so sei. Trotzdem bedauere er, dass die Musik dadurch immer häufiger in den Hintergrund rücke. „Ich finde es wirklich schade, dass die Musik nicht mehr die Hauptfigur ist“, sagt er. Stattdessen müsse inzwischen vor allem der Künstler die gesamte Marke tragen. Als Hardstyle-Fan wünsche er sich, dass die Musik selbst wieder stärker im Mittelpunkt stehe.
Diesen Druck spüre er auch im eigenen Studio. Sobald aus einer Idee ein Hardstyle-Track werden soll, wisse er bereits, was das Publikum erwarte und welche Elemente dafür benötigt würden. „Dann fühlt es sich für mich an, als stünde ich in einer Fabrik und würde immer wieder dasselbe tun.“ Eigentlich liege seine Stärke darin, nach neuen Klängen zu suchen. Trotzdem ertappe er sich dabei, kommerziell zu denken und sich dazu zu zwingen, einfach Hardstyle zu produzieren – obwohl er musikalisch lieber noch mehr entdecken würde.
„In The Cold (The Story)“ als Gegenentwurf
Wie solche musikalischen Geschichten klingen können, zeigt seine gemeinsam mit Jesse Jax veröffentlichte Single „In The Cold“. Auf Spotify sind zwei unterschiedliche Fassungen zu finden: Die reguläre Version dauert 3:34 Minuten, „In The Cold (The Story)“ kommt auf 4:55 Minuten. Genau solche Stücke würde er gerne häufiger produzieren: Tracks, die sich Zeit nehmen, einen Spannungsbogen entwickeln und nicht bereits nach wenigen Sekunden alles preisgeben.
Das kollidiert allerdings mit heutigen Hörgewohnheiten. Atmozfears spricht im Interview scherzhaft vom „TikTok Brainrot“ und stellt die Frage, wie viele Menschen sich noch mehrere Minuten lang bewusst auf einen Track einlassen. Hinzu komme das hohe Tempo, das der Spotify-Algorithmus aus seiner Sicht vorgebe.
„Ich möchte viel mehr solche Sachen machen und Geschichten erzählen“, erklärt er. Kommerziell ergebe das jedoch nur bedingt Sinn. Längere und ungewöhnlich aufgebaute Stücke würden womöglich nur einen Bruchteil dessen erreichen, was stärker auf den schnellen Effekt zugeschnittene Tracks schaffen.
Warum ihm die Pandemie musikalisch in Erinnerung blieb
Ausgerechnet auf die Pandemie blickt Atmozfears aus kreativer Sicht deshalb teilweise positiv zurück. Weil Festivals ausfielen und niemand genau wusste, wie es weitergehen würde, hätten viele Produzenten wieder mehr gewagt. Rund um das Filmprojekt „Qlimax: The Source“ entstanden längere Tracks, ungewöhnliche Strukturen und Musik, die nicht ausschließlich für den schnellen Moment auf dem Dancefloor konzipiert war. „Wir haben wieder Dinge ausprobiert und experimentiert“, erinnert sich Atmozfears.
Heute geschehe das seiner Meinung nach deutlich seltener. Er könne verstehen, dass Musik für viele Künstler nicht nur Kunst, sondern auch ein Geschäft sei. Gerade deshalb brauche es jedoch Produzenten, die bereit seien, sich gelegentlich gegen die sichere Formel zu entscheiden.
Nicht jeder Track muss ein Hit sein
Seine Aussagen sind kein Aufruf, den Hardstyle früherer Jahre einfach zu kopieren. Auch die jährlich ausgerufene Rückkehr des Euphoric Hardstyle sieht Atmozfears kritisch. Ihm geht es nicht um ein nostalgisches Comeback, sondern um neue Ideen und Künstler, deren Musik wieder eindeutig zu erkennen ist. Seine Botschaft an die eigenen Kollegen fällt entsprechend deutlich aus: „Traut euch, etwas mehr Risiko einzugehen. Wollt nicht immer einen Hit machen. Denn wenn alles ein Hit ist, ist nichts mehr ein Hit.“
Das ist weniger eine Abrechnung mit dem heutigen Hardstyle als die Warnung eines Produzenten, der das Genre noch immer liebt. Hardstyle braucht seiner Ansicht nach nicht weniger neue Musik – sondern mehr Tracks, bei denen wieder eine Millisekunde reicht, um zu wissen, wer dahintersteckt.
Fotocredit: Press Pic/Kelly van der Maade

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de





