Berlins Clubkultur bleibt gefragt, doch immer mehr Veranstalter können davon nicht mehr leben. Eine neue Studie zeigt, wie stark das bisherige Geschäftsmodell unter Druck geraten ist – und warum fast jeder vierte Betrieb über eine Aufgabe nachdenkt.
Das Publikum ist nicht verschwunden
Leere Tanzflächen sind offenbar nicht das Hauptproblem der Berliner Clubszene. Laut der neuen Studie „Clubkultur Berlin 2026“ melden 83 Prozent der befragten Clubs und Veranstalter eine Auslastung von mindestens 50 Prozent. Rund ein Drittel erreicht sogar mehr als 75 Prozent. Trotzdem können immer weniger Betriebe ihre Kosten decken. Im Geschäftsjahr 2025 arbeiteten nur noch 61 Prozent mindestens kostendeckend, 39 Prozent schrieben Verluste. Zum Vergleich: 2017 konnten noch 79 Prozent ihre Ausgaben decken.
Die Clubcommission Berlin spricht deshalb nicht von einem Nachfrageproblem, sondern von einem Geschäftsmodell, das sich innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert hat.
Was der Tresen nicht mehr verdient, muss der Eintritt bringen
2017 stammten rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf. Der Eintritt machte damals lediglich 21 Prozent aus. Inzwischen hat sich dieses Verhältnis nahezu umgekehrt: Heute kommen 59 Prozent der Einnahmen über Tickets, während Getränke und Gastronomie nur noch 20 Prozent beitragen. Dahinter steckt ein verändertes Ausgehverhalten. 73 Prozent der Befragten beobachten einen sinkenden Alkoholkonsum, 57 Prozent kürzere Aufenthalte und 60 Prozent eine steigende Nachfrage nach alkoholfreien Getränken.
Das Publikum geht also weiterhin feiern, verbringt aber weniger Zeit im Club und gibt am Tresen weniger Geld aus. Damit fällt genau der Bereich weg, der das kulturelle Programm lange mitfinanziert hat. Die Folge: Der Eintritt muss einen immer größeren Teil der Kosten tragen. Viele Veranstalter haben bereits reagiert. 67 Prozent erhöhten ihre Getränkepreise, 47 Prozent die Eintrittspreise. Gleichzeitig sehen 92 Prozent der Befragten genau diese Ticketpreise als Hürde für bestimmte Zielgruppen.
Die Clubs stecken damit in einem Dilemma: Sie müssen höhere Preise verlangen, um ihre Veranstaltungen finanzieren zu können – und riskieren dadurch, einen Teil ihres Publikums auszuschließen.
Wirtschaftlicher Druck verändert das Programm
Während wichtige Einnahmen wegbrechen, steigen auf der anderen Seite die Ausgaben. Als größte Belastungen nennen die Befragten Personalkosten, Betriebskosten, Mieten und Pachten sowie die sinkende Kaufkraft des Publikums. Das bleibt nicht ohne Folgen für das musikalische Angebot. Bei 85 Prozent wirkt sich der wirtschaftliche Druck bereits auf das Veranstaltungsprogramm aus. 62 Prozent haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert, 60 Prozent Booking und Kuration angepasst. Die Hälfte veränderte außerdem ihre Veranstaltungszeiten.
Was zunächst nach größerer Vielfalt klingt, kann in der Praxis auch bedeuten, dass schwer kalkulierbare Abende, unbekannte Künstler und musikalische Nischen zunehmend zum finanziellen Risiko werden. Wenn jede Nacht ihre Kosten einspielen muss, bleibt weniger Raum für Experimente.
Fast jeder vierte Betrieb denkt ans Aufgeben
Besonders drastisch fällt der Blick in die Zukunft aus. 95 Prozent der Befragten glauben, dass die langfristige Existenz vieler Clubs ohne strukturelle Verbesserungen gefährdet ist. 23 Prozent erwägen, ihren Betrieb innerhalb der kommenden zwölf Monate aufzugeben. Hinzu kommt die ungelöste Raumfrage. Nur acht Prozent besitzen ihre Spielstätte selbst. 31 Prozent verfügen lediglich über Miet- oder Pachtverträge mit einer Laufzeit von weniger als fünf Jahren, weitere fünf Prozent befinden sich in einer Zwischennutzung. Langfristige Planung ist unter diesen Voraussetzungen kaum möglich.
Auch öffentliche Förderung kann die Schieflage bislang nicht auffangen. Zwar sehen sich 74 Prozent zunehmend auf staatliche Unterstützung angewiesen, Fördermittel machen jedoch nur zwei Prozent der gesamten Umsatzstruktur aus. Die Clubcommission fordert deshalb unter anderem langfristige Fördermodelle, die Öffnung landeseigener Immobilien für kulturelle Nutzungen, eine rechtliche Anerkennung von Clubs als Kulturstätten und bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten.
Kein einfaches Clubsterben, aber ein gefährlicher Wandel
Von einem geradlinigen Clubsterben will die Clubcommission dennoch nicht sprechen. Seit 2020 schlossen nach ihrer Erhebung mindestens 24 Berliner Club- und Kulturstandorte. Im selben Zeitraum entstanden rund 25 neue. Die Zahlen gleichen sich auf dem Papier beinahe aus. Sie sagen jedoch nichts darüber aus, wie lange die neuen Orte bestehen, welche Kapazitäten sie besitzen oder ob sie die kulturelle Bedeutung geschlossener Institutionen ersetzen können.
Erhoben wurden die Daten zwischen dem 19. März und 24. April 2026. Insgesamt füllten 102 Akteurinnen und Akteure den Fragebogen vollständig aus. Darunter waren nicht nur klassische Clubs, sondern auch Veranstalter, freie Kollektive, Musikbars, Off-Spaces und hybride Kulturformate. Die Ergebnisse sind daher keine vollständige Bestandsaufnahme aller Berliner Clubs, liefern aber ein deutliches Stimmungsbild der Szene. Die vollständige Studie ist über das Deutsche Musikinformationszentrum abrufbar.
Einordnung der Redaktion: Berlin hat kein Feierproblem
Die Ergebnisse sprechen gegen die bequeme Erklärung, Berlins Clubkrise sei vor allem eine Folge leerer Tanzflächen. Viele Menschen wollen weiterhin ausgehen. Was zunehmend nicht mehr funktioniert, sind die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Clubkultur stattfinden soll. Clubs können steigende Mieten, höhere Personalkosten und wegbrechende Einnahmen am Tresen nicht unbegrenzt über den Eintritt auffangen. Denn je teurer eine Nacht wird, desto stärker verliert Clubkultur genau das, was sie auszeichnet: Offenheit, Durchmischung und Zugang unabhängig vom Einkommen.
Berlin schmückt sich seit Jahrzehnten mit seiner Clubkultur. Sie prägt das internationale Bild der Stadt, zieht Reisende, Künstler sowie Kreative an und schafft Räume, die weit mehr sind als gewöhnliche Gastronomiebetriebe. Es reicht deshalb nicht, Clubs erst dann zu würdigen, wenn ihre Abschiedsparty angekündigt wird.
Wenn Politik und Verwaltung diese Kultur erhalten wollen, müssen sie ihr verlässliche Räume und wirtschaftliche Planungssicherheit geben. Andernfalls wird Berlin weiterhin eine weltberühmte Clubstadt sein – nur irgendwann mit immer weniger Clubs.
Fotocredit: Kei Scampa

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




