Paul van Dyk spricht im großen DJ Mag Germany Interview über sein neues Mentoring-Programm, musikalische Substanz und die Schnelllebigkeit der Szene. Dabei erklärt er, warum Trends für ihn nie der Maßstab waren – und findet deutliche Worte für TikTok-Techno.
Paul van Dyk im Interview mit DJ Mag Germany
Hallo Paul. Ich freue mich sehr darüber, mit dir sprechen zu können. Wo treffe ich dich gerade an? Was machst du?
Paul van Dyk: Ich mache schon seit heute Morgen ein paar Interviews und das ist auch so der Plan für den heutigen Tag.
Vor Kurzem kam die News zu deinem Mentoring-Programm. Wer war eigentlich dein wichtigster Mentor, als du damals angefangen hast?
Paul van Dyk: Ich hatte ganz früh die Möglichkeit, als ich noch keine Ahnung hatte, im Studio von Johnny Klimek zu arbeiten. Er hat an dem Soundtrack für Run Lola Run mitgearbeitet. Das ist ein Film aus den 90ern. Jedenfalls war er bei meinen ersten Sachen auch der Co-Produzent. Von ihm habe ich das Produzieren von Musik und die Umsetzung meiner Ideen wirklich gelernt. Ich habe aber dann auch relativ schnell festgestellt, dass ich, wenn ich nicht selbst weiß, wie es geht, ihm mit Worten versuchen muss zu erklären, was ich gerne möchte. Das funktioniert gar nicht. Dann kommt man dahin, dass man etwas vorspielt und sagt, dass man es so klingen lassen möchte. Dann wird aber einfach nur kopiert. Insofern bestand für mich die einzige Möglichkeit darin, meinen musikalischen Anker zu finden und zu lernen, wie man es macht. Johnny Klimek ist eine ganz essenzielle Figur meiner musikalischen Karriere.
Wieso möchtest du etwas zurückgeben? Was genau machst du bei diesem Programm?
Paul van Dyk: Das Problem ist: Ich stelle mich nicht gerne hin und sage, dass ich etwas zurückgeben möchte. Ich finde, damit stellt man sich auf ein Podest, und um so etwas soll es überhaupt nicht gehen. Es geht darum, dass ich weiß, wie schwierig es ist, gerade in den Zeiten von Social Media, wo hunderttausend Sachen auf dich einprasseln, für sich selbst eine Definition von eigener Musik zu finden und festzustellen, wie man es selbst machen möchte.
Und dann gibt es natürlich noch den technischen Aspekt. Gerade in meinen Jahren als Produzent, habe ich viel gelernt. Leute, die eine Idee haben, künstlerisch ambitioniert sind, eine Passion haben, sollen die Möglichkeit bekommen, sich weiterzuentwickeln. Da möchte ich vielleicht auch eine Art Guidance mitgeben und ihnen sagen, worauf sie sich fokussieren können und was ihre Talente sind. Durch unsere verschiedenen Labels haben wir die Möglichkeit, den Leuten auch die Veröffentlichung anzubieten, wenn das Geschaffene sich auf dem Qualitätslevel befindet, das für uns maßgeblich ist.
Bis zum 15. Juni können sich Produzenten noch bewerben. Was ist die wichtigste Eigenschaft, außer Talent, die ein Producer heute mitbringen muss?
Paul van Dyk: Ich würde das zunächst nicht einschränken. Es gibt Tracks, die ganz furchtbar schlecht produziert worden sind, an denen aber eine so unglaublich tolle, kreative Idee hängt. Da geht es darum, demjenigen dann mit auf den Weg zu geben, wie man das umsetzen und richtig produzieren kann. Sodass die tolle Idee, die diese Person hat, auch wirklich ankommt. Ich möchte niemanden an die Hand nehmen, sondern die Hand reichen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir wollen nicht sagen: „So musst du das machen!“, sondern: „Wir haben das gehört, analysiert, und uns Gedanken darum gemacht. Hier geht es in eine gute Richtung, an der anderen Stelle noch nicht. Überleg mal, wie du das vielleicht selbst anders machen kannst. Und als Hinweis: Ich hätte das so gemacht.“
Ich möchte etwas mitgeben und ich denke, dass wir im Team genug Know-how haben, um festzustellen, wo welches Talent vorhanden ist oder eben nicht. In den letzten Jahren habe ich häufig gesehen, dass jemand einen einzigen guten Track gemacht hat. Das geht, das schaffen viele. Aber um daraus etwas zu machen, das längerfristige Substanz hat, muss man eine künstlerische Idee haben. Da muss man bei sich sein. Im ersten Prozess wollen wir das filtern und dann werden wir uns mit den Leuten an den Tisch oder ins Studio setzen und gemeinsam etwas erarbeiten, das sie voranbringt.
Trends waren nie der Maßstab
Die elektronische Musikszene ist extrem schnelllebig, Trends kommen und gehen oft innerhalb von Monaten. Was ist dein persönliches Geheimnis: Wie schafft man es, über drei Jahrzehnte relevant zu bleiben?
Paul van Dyk: Ich glaube, mein Geheimnis ist, dass ich darauf nicht schaue. Mir ist es Wurst, was gerade der letzte Trend ist. Mir geht es um meine musikalische Idee, meinen künstlerischen Ansatz, und ich habe glücklicherweise meinen Anker schon sehr, sehr früh gefunden und gemerkt, dass das die Musik ist, die ich mag und machen will. Und es ist auch die einzige Musik, die ich machen kann. Denn es geht letztendlich darum: Wenn ich auf der Bühne stehe, muss ich selbst zu 100 % davon überzeugt sein. Und dass die Musik, die ich auf der Bühne spiele, eine Bedeutung, eine Substanz hat, weil genau das muss ich in die Crowd hinein vermitteln, und wenn ich selbst irgendeinen Manager hätte, der mir da Vorgaben macht, die ich selbst nicht toll finde, dann kommt das auch nicht rüber.
Deshalb: Nicht darauf schauen, was der letzte Trend ist. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Für mich hat elektronische Musik, und das klingt plakativ, aber immer mit einer Reise zu tun, und das ist bei den TikTok-Style-DJs anders. Das hat mit dem, was elektronische Musik sein sollte, und wie sie vielleicht auch ursprünglich unbewusst emotional erdacht wurde, relativ wenig zu tun. Es gibt ja heute so was wie TikTok-Techno, wobei es nur um zehn Sekunden geht, die bei Social Media gut aussehen. Aber das ist als solches einfach scheiße und bewegt niemanden.
Live statt Autopilot
Du arbeitest live an den Reglern. Ist dieser Ort für dich ein Statement gegen die heutige „Play-Button-Kultur“?
Paul van Dyk: Nein, gar nicht. Ich ordne das nicht ein in besser oder schlechter, in gut oder böse. Ich habe schon sehr früh angefangen, Studioelemente mit auf die Bühne zu nehmen. Seit ungefähr 1999 arbeite ich mit Geräten auf der Bühne. Mittlerweile ist ein kleines, mobiles Aufnahmestudio entstanden, das ich nutze, um Sachen wieder zurückzuspielen. Das gibt mir, auf der einen Seite die Möglichkeit, sehr autark und, auf der anderen Seite, sehr speziell in der Form zu sein. Ich kann deinen Lieblingstrack nehmen und ihn so remixen, dass er völlig anders daherkommt, aber genau richtig in dem Moment, in dem ich ihn im Set spiele. Das ist mein Ansatz. So sehe ich das. Wenn es da Foristen gibt, die sagen, dass sie Vinyl wollen, dann ist das so. Jeder soll das so machen, wie er es für richtig hält. Wichtig ist am Ende nur, dass etwas dabei herumkommt, das nicht nur belangloser Müll ist, den man schon hundertmal gehört hat, sondern motiviert und den Leuten, im besten Fall, ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Du bist in Ost-Berlin aufgewachsen, in Eisenhüttenstadt geboren und spielst bald im Residenzschloss in Ludwigsburg. Gibt es Momente, in denen du dich selbst kneifen musst, wie weit dich die Musik gebracht hat? Und vor allem, an welche Orte?
Paul van Dyk: Kneifen nicht. Ich lebe dieses wunderbare Leben, das ich jetzt leben darf, ja jeden Tag. Ich bin jeden Tag froh und glücklich, dass ich mit der Musik, die ich mag und mache, Leute auf der ganzen Welt erreiche und davon gut leben kann. Der englische Term ist „I don’t take it for granted“. Ich weiß und wusste das immer schon auch zu würdigen. Das hat wahrscheinlich auch ein Stück weit mit meiner Erziehung in der DDR zu tun. Wir kamen nicht aus wohlhabenden Verhältnissen, ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter groß geworden. Es war nicht einfach. Wir sind per Ausreiseantrag im Jahr 1989 ausgereist und ich kenne die Sachen, wie sie in der DDR abgelaufen sind, noch zu gut. Umso mehr schaue ich, um den Bogen ins Hier und Jetzt zu spannen, besorgt auf das, was gerade medial und politisch in Deutschland so passiert. Weil natürlich die ein oder andere Seite – ob das jetzt faktisch stimmt oder nicht, sei mal dahingestellt – eine emotional gefühlte Einschränkung in der Meinungsfreiheit wahrnimmt. Es sind viele Leute, die das so fühlen. Insofern müssen wir das als Gesellschaft auch so aufgreifen und nicht einfach nur sagen: „Ihr spinnt!“, sondern da muss dann gegebenenfalls das ein oder andere zum Besseren verändert werden. Das findet momentan nicht statt, weil jede einzelne Gruppe für sich die moralische Keule schwingt und sagt, „Wir sind die Richtigen.“ oder „Wir sind die Guten.“. Und keiner redet miteinander. Da sind wir aber bei einem anderen Thema.
Vom E-Werk ins Residenzschloss
Vom Berliner E-Werk bis heute ins Residenzschloss Ludwigsburg: Was bedeutet dir dieser majestätische Rahmen persönlich? Verändert die Architektur die Art, wie du dein Set spielst?
Paul van Dyk: Ich glaube, dass ich noch nie in einem Schloss gespielt habe. Inwiefern sich das dann verändert, weiß ich also nicht. Aber es ist natürlich klar, dass die Atmosphäre, ich sage bewusst: die Venue als solche, auch einen Einfluss hat auf die Energie von uns allen, die wir da sind. Ich schließe mich nicht aus. Wahrscheinlich bin ich genauso beeindruckt von der Location, wie jeder andere auch. Es gibt da noch das Mapping und die Lichtshow, das sehe ich aber nicht. Ich stehe ja mittendrin und gucke quasi in die andere Richtung. Insofern wird es umso wichtiger sein, dass die Crowd alles gibt, damit die Energie, die wir musikalisch in sie hineinprojizieren, auf uns zurückkommt. Damit wir alle einen besonderen und fantastischen Abend erleben.
Du hast es gerade schon gesagt. Das Schloss wird zur Leinwand. Braucht es so eine visuelle Inszenierung, um die volle Kraft zu entfalten? Untermalt es das Ganze?
Paul van Dyk: Ich denke, dass es das auf jeden Fall untermalt. Wer jemals, und das ist ein ganz anderes Ding in Ludwigsburg, beim Festival of Light war und gesehen hat, wie so ein Mapping auf einem Gebäude ist, welches dann gegebenenfalls inszeniert optisch in sich zusammenfällt, der weiß, dass das beeindruckende Bilder sind. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das im Zusammenspiel mit der Musik beeindruckend wird.
„Da brauchte es keine Erweckung“
Wenn man deine Geschichte kennt, besonders den schweren Unfall 2016, grenzt es an ein Wunder, dass du heute wieder an der Spitze stehst. Wie sehr hat dieser Moment dein Bewusstsein dafür verändert, wie kostbar jeder Auftritt, wie etwa der im Schloss Ludwigsburg, eigentlich ist?
Paul van Dyk: Ich habe nie etwas so nebenbei gemacht, ich habe schon immer jeder einzelnen Show die entsprechende Würdigkeit gegeben. Ob das ein kleinerer Club war, oder ein größeres Festival: Für mich geht es immer darum, zu 100 % abzuliefern und mit den Leuten gemeinsam, in Interaktion, hoffentlich unvergessliche Momente zu erzeugen. Das hatte ich vorher genauso. Es sind eher kleine, feinere Momente, von denen man erst mal denkt, sie wären unbedeutend. Ich saß im Rollstuhl und wusste nicht, ob ich wieder laufen werden kann. Insofern ist ein kleiner Spaziergang mit dem Hund einfach etwas Besonderes. Jeder einzelne. Aber in Bezug auf Veranstaltungen bin ich immer zu 100 % engagiert, da brauchte es keine Erweckung.
Was ist das nächste Ziel? Gibt es noch Träume, die Paul van Dyk nach 30 Jahren und einem zweiten Leben noch nicht verwirklicht hat?
Paul van Dyk: Es gibt viele. Aber die finden auf anderen Ebenen statt. Wenn man aufhört zu träumen, dann kann man auch aufhören zu leben. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die über ihre Träume philosophieren. Ich möchte meinen Gedanken den Freiraum lassen, nicht medial ausgewertet oder bewertet zu sehen.
Danke für das Gespräch, Paul. Es war schön, mit dir zu sprechen. Hab noch einen schönen Tag.
Paul van Dyk: Danke dir. Dir auch einen schönen Tag.
Fotocredit: Press Pic

Autor
Anastasia Jakimowicz
Autorin




