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Thomas Pieper (Dockland GmbH): „Die eigentliche DNA elektronischer Musik geht immer mehr verloren“

Thomas Pieper (Dockland GmbH): „Die eigentliche DNA elektronischer Musik geht immer mehr verloren“

Thomas Pieper, Gründer und Geschäftsführer der Dockland GmbH, spricht im DJ Mag Germany-Interview über die Entwicklung der elektronischen Musikszene, den Einfluss von TikTok und Social Media sowie die Herausforderungen moderner Club- und Festivalkultur. Zwischen Underground-DNA, Festivalhype und musikalischer Vielfalt erklärt er, warum echte elektronische Musik für ihn weit mehr ist als kurzfristige Trends und virale Momente.

Thomas Pieper (Dockland GmbH) im Interview mit DJ Mag Germany

Hallo Thomas, danke, dass du dir die Zeit für uns nimmst! Zuerst die allerwichtigste Frage überhaupt: Wie geht es dir? Und wie fühlt sich 2026 bis jetzt für dich an?

Thomas Pieper: Hallo Angie, danke der Nachfrage – mir geht’s super. Das Jahr ist für uns wirklich gut gestartet. In den Wintermonaten veranstalten wir in der Regel recht wenige hauseigene Events, da wir in dieser Zeit extrem viele planerische Dinge für die Sommersaison zu bewältigen haben. Von daher war der Jahresstart vor allem von viel Office Work geprägt, bevor wir dann am 11. April gemeinsam mit Chris Stussy und weiteren tollen Künstlern unsere Open-Air-Saison einläuten durften. Die Show war bereits Wochen vorher sold out und hat am Ende sogar unsere Erwartungen übertroffen. Da ging es wirklich von der ersten bis zur letzten Minute voll zur Sache. Da wir grundsätzlich viel Wert auf musikalische Vielfalt legen, durften wir zwei Wochen später eine Live-Show mit Modeselektor inklusive Aftershow mit Mira und Robag Wruhme hosten, die ebenfalls großartig war. Electronic Music at its best – kein Möchtegern-TikTok-Techno-Bullshit oder Fake-House-Stuff.

Vom ersten House-Funken zur eigenen Veranstaltungsmarke

Du bist Founder und Geschäftsführer der Dockland GmbH – einem der prägendsten Unternehmen der deutschen Veranstalterszene. Wie kam es dazu, dass du die Brand und die dazugehörigen Events gegründet hast? Welche Vision hat dich damals angetrieben?

Thomas Pieper: Am Anfang stand einfach nur die Liebe zur afroamerikanischen Musikkultur. Als ich Mitte der 80er-Jahre zum ersten Mal ‚Rapper’s Delight‘ von der Sugarhill Gang in einem von GIs besuchten Club in Münster gehört habe, war es um mich geschehen. Danach schwappte auch der Chicago-House-Sound zu uns rüber und so verbrachte ich meine Freizeit entweder in den entsprechenden Clubs oder schmiss die ersten eigenen Hip-Hop-Jams und House-Partys in Off-Locations. 

1988 bot sich dann die Gelegenheit, in die USA zu gehen – und wie es der Zufall wollte, startete der mehrmonatige Trip in Chicago, der Geburtsstätte der House Music. Dort lernte ich auch die ersten Artists kennen und aus Ermangelung an guten Clubs in der Heimat veranstalteten wir schon bald regelmäßig unsere eigenen Underground-Partys. 1994 hatten mein damaliger Partner und ich dann endgültig genug vom Studium und starteten das Projekt Dockland,mit unserem ersten eigenen Club inklusive angrenzendem Tonstudio.

Zwischen Hype, Haltung und musikalischer Tiefe

Ist diese Vision heute noch die gleiche? Was hat sich für dich beim Veranstalten von Events in den letzten Jahren verändert? Worauf muss man heute mehr achten, was ist vielleicht auch einfacher geworden?

Thomas Pieper: Ich würde das gar nicht so sehr als Vision bezeichnen, sondern vielmehr als pure Leidenschaft und die brennt in mir immer noch genau wie am ersten Tag. Eine Vision steckt natürlich auch dahinter, in unserem Fall vielleicht auch mehr als eine. Was mich vor allem antreibt, ist die Frage, wie wir in der heutigen, extrem schnelllebigen und TikTok-gesteuerten Zeit junge Menschen dazu bewegen können, eben nicht nur einem Trend zu folgen und blind auf die Algorithmen der zahlreichen Anbieter zu setzen, sondern vielmehr tiefer zu graben und zu erkennen, was für eine Erfahrung elektronische Musik fernab irgendwelcher billiger Eurodance-Edits bieten kann. Einerseits herrscht gerade eine wahre Goldgräberstimmung, da elektronische Musik noch nie einen derartigen Hype hatte und als Populärmusik mittlerweile die Nummer 1 ist, andererseits führt das dazu, dass wahnsinnig viel Schrott produziert wird, jeder talentfreie und meistens gutaussehende Mensch DJ wird und die eigentliche DNA elektronischer Musik immer mehr verloren geht. Ich feiere den Sound ja gerade deswegen so sehr, weil man sich bei einem Set von Ausnahme-DJs wie ÂME oder Laurent Garnier über Stunden völlig fallenlassen kann und ohne jegliche Hits, Momente der totalen Ekstase erlebt. Das ist eine ganz andere Nummer, als wenn ein DJ Hit an Hit hintereinanderreiht, eben keine Geschichte erzählt und die Macht bzw. Tiefe elektronischer Musik gar nicht zu nutzen weiß. Ohne jetzt Namen zu nennen, sind einige der heutigen sogenannten Top DJs für mich nichts anderes als der Partydj am Ballermann.

Um auf deine Frage zur Veränderung zurückzukommen: Wir müssen unsere Events so kuratieren, dass wir eine ausbalancierte Mischung von trendigen Acts mit künstlerischer Substanz und Acts hinbekommen, die unsere Vision von elektronischer Musik teilen und in gewisser Weise über alle Zweifel erhaben sind. Das funktioniert tatsächlich sehr gut und hat den schönen Nebeneffekt, dass Gäste, die ursprünglich nur wegen ihres Insta-Lieblings-DJs zu uns kommen, auf einmal ganz andere Welten entdecken, in die es sich einzutauchen lohnt. Früher gab es zwar auch schon die EDM-Bewegung, aber eben auch eine deutliche Trennung selbiger von der Underground-Szene. Da hat quasi jeder sein Ding gemacht. Das ist heutzutage nicht mehr möglich. Zumindest nicht dann, wenn man größer denkt und im besten Fall tausende von Besucher*innen für seine Sache begeistern will. Ohne Zweifel hat die Entwicklung der elektronischen Musik aber auch ihre Vorteile. So ist der Einstieg heutzutage viel einfacher geworden. Früher kamen die Kids oft über Umwege zur elektronischen Musik und haben jahrelang andere Sachen wie Hip-Hop, Grunge, RnB o. Ä. gehört. Heute geht es direkt mit Techno und Co. los. Wir möchten einfach nur dazu beitragen, dass möglichst viele junge Leute die Vielfalt und Komplexität elektronischer Musik verstehen und sich bei unseren Events ein Stück weit auf eine Reise ins Unbekannte begeben.

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Warum musikalische Herkunft mehr zählt als Followerzahlen

Diversität im Line-up spielt bei euch eine große Rolle. Besonders beim diesjährigen Docklands Festival wird deutlich, dass ihr nicht primär auf große Namen oder kurzfristige Trends setzt, sondern bewusst eine breite Bandbreite innerhalb von Techno und House abbildet. Warum ist dieser Ansatz aus deiner Sicht heute der richtige Weg?

Thomas Pieper: Das habe ich ja oben schon in Teilen erklärt. Tatsächlich fällt mir keine Musikszene ein, sowohl bei den Fans als auch bei den Artists, in der so wenig Wissen über die Roots und die Idee der Musik existiert, wie in der elektronischen Musik. Ich weiß von weltweit erfolgreichen Techno-DJs, die sich zumindest als solche bezeichnen, die nicht mal wissen, dass Techno aus Detroit kommt und wer Jeff Mills oder Ben Klock sind. Dementsprechend blutleer und ideenlos klingt leider auch deren Sound. So was ist im Hip-Hop oder Rock undenkbar. Jeder, der anfängt zu rappen, kennt Dr.Dre oder Eminem und jeder, der mit seiner Rockband erste Gehversuche unternimmt, hat sicherlich schon von den Stones oder Nirvana gehört.

Da ich gerade deshalb ein so großer Fan elektronischer Musik bin, weil sie eben keine Charthits nach Schema F braucht, ist es nur folgerichtig, dass wir auf unseren Events auf echte Künstlerinnen und Künstler setzen, unabhängig davon, ob sie eine Million oder 5000 Follower haben und unabhängig davon, ob sie die größten Arenen füllen oder eher die kleinen Clubs bespielen. Elektronische Musik entspringt zudem der Black-, Hispanic- und LGBTQ-Communitys in Detroit und Chicago der frühen 80er Jahre. Deshalb kann ich überhaupt nicht verstehen, wie man kein diverses Line-up bei einem elektronischen Musikfestival an den Start bringen kann.

Ob dieser Ansatz der richtige Weg ist, ist schwer zu beantworten. Wirtschaftlich betrachtet könnten wir es uns vermutlich einfacher machen, aber da wir nun mal absolute Überzeugungstäter*innen sind, ist dieser Weg für uns zumindest der einzig Gangbare.

Booking zwischen Wunschliste, Wettbewerb und Social Media

Wie geht ihr – du und dein Team – konkret bei der Auswahl eurer Acts vor?

Wie gelingt es euch, auch die junge Generation von Ravern (18+) anzusprechen – gerade in einer Zeit, in der Trends, TikTok und Viralität ja stark dominieren…

Leitet ihr, basierend auf den Hintergründen eures Konzepts, auch konkrete Veränderungen in eurer Social-Media-Strategie ab?

Thomas Pieper: Die Auswahl der Acts wird tatsächlich ausschließlich nach unserem Geschmack getätigt. Zu Beginn erstellen wir ellenlange Listen unserer Wunschkandidat*innen, die wir dann sukzessive anfragen. Tatsächlich ist dieser Teil des Jobs der härteste und aufwändigste, weil wir bei sehr vielen Acts in Konkurrenz mit Veranstalter*innen und Venues weltweit stehen. Da wir zudem nicht so finanzkräftig wie z.B. Player aus den USA, arabischen Staaten oder den Niederlanden sind, die zudem nicht selten von großen Konzernen geführt werden, müssen wir mit anderen Argumenten überzeugen. Freundschaftliche Beziehungen zu vielen Artists können da z.B. helfen. Trotzdem braucht es locker ein halbes Jahr und Hunderte, wenn nicht über tausend Mails, bis wir unsere Wunschprogramme stehen haben.

Die junge Generation holen wir dabei automatisch ab, da es zum Glück wirklich viele gute Artists gibt, die nicht nur im Trend liegen, sondern vor allem auch enormes Talent besitzen. Da fällt es uns recht einfach, über die gängigen Plattformen deren Zielgruppen zu erreichen. Zudem geben wir uns fortlaufend große Mühe, das Cluberlebnis generell z.B. in Sachen Venue, Licht oder Sound so intensiv wie möglich zu gestalten.

Was unsere Social-Media-Strategie angeht, müssen wir diese natürlich fortlaufend monitoren und justieren. Im Falle des Docklands Festivals haben wir zudem mit MGNFY einen starken Partner, der dafür sorgt, dass unsere Inhouse-Marketingabteilung sich um all unsere anderen Events kümmern kann. Grundsätzlich ist es aber nahezu unmöglich, den heiligen Gral zu finden. Selbst mit massivem Budget muss man immer wieder erkennen, dass Geld nicht automatisch Erfolg kauft. Es gibt z.B. so nischige oder gerade nicht angesagte Themen, die sich einfach schwierig bis gar nicht über Social Media verkaufen. Für uns heißt das aber nicht, dass wir auf derartige Events oder Artists verzichten. Manchmal subventionieren wir dann halt ein weniger trendiges Programm durch eine Hype-Veranstaltung. Selbige wiederum benötigen dann oftmals kaum paid ads, weil z.B. die Artists so angesagt sind, dass rein organische Posts weitestgehend ausreichen. 

Clubs zwischen Festivaldruck und frischem Wind

Wie blickst du aktuell auf die wirtschaftliche Zukunft von Clubs und Clubveranstaltungen in Deutschland?

Thomas Pieper: Ein schwieriges Thema, da regional sehr unterschiedlich und viele Faktoren zusammenkommen. In Münster haben wir z.B. eine sehr lebhafte und gut funktionierende Clubszene, um die ich mir auch zukünftig nicht allzu große Sorgen mache. Nun ist Münster aber auch aufgrund der vielen Student*innen eine der jüngsten Städte Deutschlands. Mir entgeht daher nicht, dass es in anderen Städten anders aussieht. Zunächst einmal muss man natürlich differenzieren und Clubs definieren. Wenn wir von elektronischen Musikclubs reden, dann gibt es sicherlich noch sehr viele gut funktionierende Konzepte, die vom aktuellen Hype und der Kommerzialisierung elektronischer Musik profitieren oder einfach seit Jahren einen extrem soliden Job machen und immer authentisch geblieben sind.  

Zumal viele junge Menschen sich einer Szene zugehörig fühlen möchten und dies in der Rave-Community sehr gut funktioniert. On top sprießen unzählige Kollektive aus dem Boden, die die Clubs mit frischen Konzepten bereichern. Wenn wir aber von kleineren Live-Musik-Clubs oder klassischen Discotheken reden, die nicht für eine bestimmte Art von Musik und Szene stehen, dann haben diese oftmals enorme Probleme, weil aus vielfältigen Gründen die allgemeine Bereitschaft zum Ausgehen nachgelassen hat und sich der Fokus bei der Jugend schon sehr massiv auf elektronische Musik beschränkt.
Wiederum alle Clubs, egal welcher Art, haben mit einer Festivallandschaft zu kämpfen, die in gigantischem Ausmaß gewachsen ist. Im Grunde hat man von April bis Oktober jedes Wochenende mehrere Events zur Auswahl, die reizvoll sind und eine echte Alternative zu den Clubs darstellen. Wenn man davon dann eins im Monat besucht, hat man die Woche davor und danach schon automatisch nicht den unbedingten Drang, in einen Club zu gehen. Zumal ein Festivalbesuch auch immer mit einem recht hohen Budget verbunden ist. Wir stehen also vor nicht unerheblichen Herausforderungen, die es in der Form tatsächlich noch nie gab.

Was Clubs heute wirklich leisten müssen

Was macht für dich heute einen wirklich guten Club aus?

Thomas Pieper: Da gibt es so einige Faktoren und es kommt auf die Art des Clubs an. Wenn du einen Indoor-Club meinst, dann sollte dieser nicht allzu groß sein. Ich finde die Größe unseres Fusion-Mainfloors schon sehr geil. Da passen ca. 800–900 Leute drauf, was eine gewisse Intimität und Energie schafft, die ein Club unbedingt haben sollte. Kleiner geht immer, größer kann schnell schwierig werden. Dann müssen natürlich zwingend Sound und Licht stimmen. Dazu sollte der DJ dicht an der Crowd sein. Vor allem aber sollte das Programm stimmen. Hier unterscheidet sich z.B. der Fusion Club ganz massiv von anderen Top-Techno-Clubs in Deutschland. Der Name Fusion ist bei uns Programm und war bei der Planung 1996 genauso aktuell wie heute. Wir wollten eine Plattform für eine Fusion der besten Veranstalter*innen und verschiedenster Spielarten elektronischer Musik bieten. Dieses Konzept führt automatisch dazu, dass es immer  spannend bleibt, weil die musikalische Vielfalt enorm ist und sich zu den jeweiligen Events immer wieder unterschiedliche Crowds im Club einfinden. 

Ein anderes Konzept ist das, des 100 % eigenkuratierten Clubs, wo eben jede Woche nahezu ausschließlich hauseigene Veranstaltungen stattfinden. Das hat definitiv auch seinen Reiz, weil man Woche für Woche stringent seinen eigenen musikalischen Vorlieben nachgehen kann. Allerdings ist so ein Konzept mit einem deutlich größeren Aufwand verbunden und man muss höllisch aufpassen, dass man den Zug nicht verpasst und immer am Puls der Zeit bleibt. Unabhängig davon, dass man ja seine Zielgruppe allein schon deshalb nicht über 30 Jahre konservieren kann, weil die meisten Menschen leider dazu neigen, im Alter seltener rauszugehen, ist es auch nicht wirklich geil, wenn man immer nur die Leier von „früher war alles besser“ abspielt und sich ausschließlich unter seinesgleichen bewegt. So sehr ich in einigen Punkten auch die aktuell schier grenzenlose Kommerzialisierung von Techno und House kritisiere, so spannend finde ich gleichzeitig auch den Drive, den viele junge Protagonist*innen an den Tag legen. Da kommt gerade unglaublich viel frischer Wind, und wenn das Clubs mit einem anspruchsvollen, künstlerisch ambitionierten Programm zu nutzen wissen, dann sind es in meinen Augen oft wirklich gute Clubs. Auch eine Mischung aus frischen, neuen Acts und eher etablierten Artists finde ich programmatisch sehr reizvoll.

Warum die Szene wieder tiefer graben muss

Kommen wir zur letzten und vielleicht auch spannendsten Frage. Wo siehst du unsere Szene in den kommenden fünf Jahren? Und was liegt dir bei all den Entwicklungen ganz besonders am Herzen? 

Thomas Pieper: Leider bin ich kein Hellseher und kann nur aktuelle Zeichen deuten. Zumal wir gerade generell vor gigantischen gesellschaftlichen wie auch politischen Herausforderungen stehen. Ich befürchte, dass die ganz großen Player wie Live Nation & Co. mit ihrem schier unendlichen Kapital weiter versuchen werden, den Markt zu monopolisieren und noch mehr große Festivals oder Soloshows an den Start bringen, die es vor allem in den Sommermonaten den Clubs und unabhängigen Festivals richtig schwer machen werden. Man kann die Augen vor der Realität nicht verschließen und die Zeit zurückdrehen, weil die elektronische Musikbranche schlichtweg ein Milliardenbusiness geworden ist, das immer mehr Player auf den Plan ruft und eine immer größer werdende Gier entstehen lässt. Jeder will was vom Kuchen abhaben und mitverdienen. Gleichzeitig hoffe ich, dass die aktuell wachsende Gegenbewegung stärker wird und immer mehr Menschen versammelt, die einfach keinen Bock mehr auf den ganzen ausufernden Hype haben. Die sich auf das besinnt, was elektronische Musik so einzigartig macht, und das ist eben kein Hitgewitter, kein Smartphone-Alarm, keine TikTok-/Insta-Selbstdarstellung mit Duckface, während sich direkt neben einem großartige Künstler*innen die Seele aus dem Leib spielen. Es ist ja jetzt schon zu beobachten, dass ein Kollektiv nach dem anderen aus dem Boden sprießt, dass neue, wirklich gute Clubs entstehen, die eine Botschaft vermitteln, dass selbst die Clubs auf Ibiza anfangen, Videoaufnahmen zu verbieten. Das sind alles gute Entwicklungen, die mir Hoffnung geben, dass unsere Szene auch diesen Sturm bewältigt, so wie sie es in den letzten 40 Jahren immer irgendwie hinbekommen hat. Eine große Rolle spielen dabei auch die Künstler*innen  und Künstler. Ich kann gut verstehen, dass man Erfolg haben und das Maximale an Gagen einstreichen will, was machbar ist. Das liegt wohl in der Natur des Menschen. Trotzdem wäre es ein starkes Zeichen, wenn sich auch weltweit gefeierte Topstars öfter mal daran erinnern würden, warum sie das machen, was sie machen, und was dazu geführt hat, dass sie diesen Weg eingeschlagen haben. Das waren nämlich i.d.R. die Raves in irgendwelchen dunklen, von Stroboblitzen durchzogenen Clubs oder die vielen illegalen Open Airs während und auch nach der Pandemie. Von daher wäre es auch von Artistseite wünschenswert, dass neben den Mega-Gigs, kleine Clubtouren zur Stärkung unserer so vielfältigen Kultur eingebaut werden. Denn wenn diese Vielfalt stirbt, dann stirbt die gesamte Szene.

Wie schon erwähnt, liegt mir vor allem am Herzen, dass wir es schaffen, die wahnsinnig vielen jungen Neueinsteiger*innen in die elektronische Musik, für die Vielfalt von Techno und House zu begeistern. Wir müssen einfach vermittelt bekommen, dass das, was auf Insta und TikTok viral geht, nicht das Ende der Fahnenstange ist und dass es sich wirklich lohnt, tiefer zu graben und sich auf die ganze Diversität, die unser Sound bietet, einzulassen. Es wäre bei dem aktuellen Potenzial an Artists und Raver*innen einfach jammerschade, wenn das, was gerade passiert, im allgemeinen Popuniversum untergeht.

Danke für deine ausführlichen Antworten, lieber Thomas! Wir wünschen dir und deinem Team ganz viel Erfolg bei all euren Projekten in diesem Jahr und sind gespannt, was wir von euch sehen, hören und mit euch gemeinsam erleben werden!

Fotocredit: Thomas Pieper

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