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„Burning Man hat seine Seele verloren“: Mitgründer rechnet mit dem Festival ab

„Burning Man hat seine Seele verloren“: Mitgründer rechnet mit dem Festival ab

Aus einer anarchistischen Idee sei ein Luxusausflug für Wohlhabende geworden: Mitgründer John Law kritisiert Burning Man so scharf wie lange nicht. Er spricht über Privatjets, persönliche Stylisten und abgeschottete Luxus-Camps. Ganz so einfach ist seine Abrechnung allerdings nicht.

Vom Wüstenexperiment zum „Disneyland für Wohlhabende“

Burning Man sollte einmal ein Ort sein, den niemand besitzt und den sich niemand fertig kaufen kann. Eine temporäre Welt, gemeinsam erschaffen von Menschen, die für wenige Tage aus den üblichen Strukturen ausbrechen wollten. Genau davon erkennt John Law heute kaum noch etwas wieder.

Law zählt zu den frühen Mitgründern von Burning Man und half 1990 dabei, die Veranstaltung in die Black Rock Desert in Nevada zu bringen. In einem ausführlichen Gastbeitrag für den San Francisco Standard fällt sein Urteil nun vernichtend aus: Burning Man habe seine anarchistische Seele verloren.

Aus dem gemeinschaftlichen Wüstenexperiment sei eine gewaltige Erlebniswelt für westliche Eliten und deren kreatives Umfeld geworden. Law bezeichnet das heutige Burning Man als „Disneyland für Wohlhabende“, das sich weiterhin als ernsthaftes, auf philosophischen Prinzipien beruhendes Kunstprojekt präsentiere.

Seine Beispiele sind bewusst drastisch gewählt: Besucher könnten sich in luxuriöse Camps einkaufen, von privaten Köchen versorgen lassen, ihre Outfits von Stylisten zusammenstellen lassen und mit Chartermaschinen in die Wüste fliegen. Wer genügend Geld besitze, könne sich für eine Woche vollständig aus seinem normalen Leben verabschieden.

Als noch fast alle auf dem Boden schliefen

Laws Kritik wird vor allem durch den Blick auf die Anfänge verständlich. Bei der ersten Ausgabe in der Black Rock Desert kamen rund 80 Menschen zusammen. Viele von ihnen schliefen lediglich in Schlafsäcken oder kleinen Zelten auf dem Wüstenboden. Es gab kein fertig ausgearbeitetes Konzept, keine festgeschriebenen Grundsätze und keine Organisation, die den Teilnehmern erklärte, wie sie diese Erfahrung zu verstehen hatten. Die Menschen bauten ihre Kunst, ihre Fahrzeuge und ihre temporäre Welt selbst. Burning Man war für Law kein Rückzug aus der Realität, sondern für einige Tage eine eigene Realität.

Mit dem Aufstieg des Internets veränderte sich die Veranstaltung jedoch rasant. 1999 kamen bereits rund 25.000 Menschen. Gleichzeitig entdeckte die aufstrebende Elite aus dem Silicon Valley die Wüste für sich. Namen wie Elon Musk, Sergey Brin, Larry Page, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos wurden mit Burning Man verbunden. Aus dem improvisierten Abenteuer wurde ein globales Statussymbol.

Law sieht darin den Moment, in dem sich die ursprüngliche Idee langsam ins Gegenteil verwandelte: Aus einer selbstorganisierten Gemeinschaft ohne klare Hierarchie sei eine kontrollierte, prestigeträchtige und zunehmend kommerzialisierte Großveranstaltung geworden.

Der Widerspruch steckt mitten im eigenen Anspruch

Besonders deutlich wird Laws Kritik beim Thema Geld. Zu den zehn offiziellen Prinzipien von Burning Man gehört die sogenannte „Decommodification“. Die Gemeinschaft will sich demnach gegen Werbung, kommerzielle Verwertung und die Ersetzung echter Beteiligung durch bloßen Konsum wehren. Gleichzeitig kosten die regulären Tickets für Burning Man 2026 je nach Preisstufe zwischen 550 und 3.000 US-Dollar. Hinzu kommen Steuern, Gebühren, Anreise und die komplette Versorgung für mehrere Tage in der Wüste.

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Allerdings handelt es sich bei den höheren Preisen offiziell nicht um VIP-Tickets. Sämtliche Kategorien gewähren denselben Zugang. Nach Angaben der Veranstalter sollen die teureren Stufen günstigere Tickets, Kunstprojekte und den Betrieb von Black Rock City mitfinanzieren. Über ein Hilfsprogramm wurden zudem Tickets für 250 Dollar angeboten. Die Luxus-Camps und zusätzlichen Dienstleistungen, die Law kritisiert, sind davon zu unterscheiden.

Den grundsätzlichen Widerspruch löst das dennoch nicht vollständig auf: Burning Man will Konsum durch Beteiligung ersetzen, ist für viele Menschen aber längst zu einer Erfahrung geworden, die sie sich allein wegen der Gesamtkosten kaum leisten können.

Laws Kritik hat einen entscheidenden Haken

So scharf die Abrechnung ausfällt, eine wichtige Einschränkung gehört dazu: John Law hat Burning Man seit 1996 nicht mehr besucht. Er beurteilt die heutige Veranstaltung aus der Distanz und anhand der Entwicklung, die er seit seinem Ausstieg beobachtet hat.

Law behauptet zudem nicht, dass Burning Man für alle Beteiligten bedeutungslos geworden sei. Die Freude der Menschen sei real, schreibt er. Für viele könne die Woche in der Wüste weiterhin eine intensive, kreative und prägende Erfahrung sein. Auch Teile der ursprünglichen Kunst- und Underground-Kultur seien noch vorhanden.

Sein Vorwurf richtet sich deshalb weniger gegen die Menschen, die Burning Man heute besuchen. Er richtet sich gegen das System, das um die ursprüngliche Idee entstanden ist – und gegen die Vorstellung, eine anarchistische Utopie lasse sich mit Privatjets, Luxusunterkünften und mehreren Tausend Dollar Eintritt bewahren.

Während Burning Man 2026 gerade in der Black Rock Desert stattfindet, trifft diese Kritik das Festival an seinem empfindlichsten Punkt. Denn es geht nicht darum, ob Burning Man noch spektakulär ist. Es geht um die wesentlich unangenehmere Frage, ob hinter dem Spektakel noch das steckt, wofür Burning Man einmal stehen wollte.

Fotocredit: Mike Q VictorBM2010 The ManCC BY-SA 3.0

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Franz Beschoner

Autor

Franz Beschoner

Head of Editorial / franz@djmag.de