Millionen für ein Winterfestival? Warum das SunIce in St. Moritz zu den anspruchsvollsten Festivalproduktionen Europas zählt

Millionen für ein Winterfestival? Warum das SunIce in St. Moritz zu den anspruchsvollsten Festivalproduktionen Europas zählt

Amelie Lens und ARTBAT im März hoch oben in den Schweizer Alpen? Was für viele Musikliebhaber nach einer absurd guten Idee klingt, ist für die Macher des SunIce Festivals vor allem eines: ein finanzieller und logistischer Affront gegen jede Bequemlichkeit. Wer glaubt, hier werde lediglich das Luxus-Image von St. Moritz ausgenutzt, unterschätzt das Geschäft hinter einer der anspruchsvollsten Festivalproduktionen Europas.

Warum das SunIce dort stattfindet, wo Festivals eigentlich keinen Sinn ergeben

St. Moritz steht sonst für Pelzmäntel, Champagner und gepflegte Langeweile. Doch vom 19. bis 21. März durchbricht das SunIce Festival dieses Narrativ. Während andere Wintersportorte auf Coverbands und austauschbaren Après-Ski-Sound setzen, hallt hier internationaler Club-Techno über die Gipfel. Es ist kein Boutique-Event für die Schickeria, sondern der Produktionsaufwand erinnert eher an eine Stadiontour als an alpine Folklore.

Ein elektronisches Festival dieser Größenordnung mitten im Winter in hochalpiner Lage durchzuführen, ist eine klare Ansage an die Branche. Minusgrade, die selbst robustes Equipment an seine Grenzen bringen, enge Bergstraßen und exakt getaktete Transportfenster bestimmen den Alltag. Jede Verzögerung kostet Geld, jede Entscheidung muss sitzen.

Und trotzdem gehören internationale Headliner und Indoor-Stages bis tief in die Nacht hier zum Standard. Das SunIce Festival investiert jedes Jahr mehrere Millionen Franken – nicht für ein Luxus-PR-Statement, sondern für ein Format, das weltweit in dieser Konsequenz kaum Vergleichbares kennt. Das Ziel besteht darin, eine junge, musikaffine Generation für die Bergwelt zu begeistern und den überholten Narrativen des Wintertourismus etwas entgegenzusetzen. Wer ein bequemes Standard-Event sucht, ist hier definitiv falsch.

Warum das SunIce wirtschaftlich gesehen ein Drahtseilakt ist

Loris Moser, CEO und Gründer des Festivals, verzichtet bewusst auf beschönigende Business-Märchen. „Wenn es nur darum ginge, Geld zu verdienen, würden wir das Festival unten im Tal machen. Günstiger, einfacher, weniger Risiko.“ Ein Festival auf dem Berg bedeutet Ausnahmezustand.

Große LKW mit Bühnen- und Soundelementen kommen gar nicht erst bis zum Gelände. Die gesamte Infrastruktur muss im Tal auf kleinere Transporter umgeladen werden, um die kurvigen Bergstraßen hinaufzufahren. Allein dieser zusätzliche Aufwand verursacht Kosten in Höhe eines hohen fünfstelligen Betrags – noch bevor die erste Box aufgebaut ist.

Abriss statt Après-Ski

Mit zwei Indoor-Stages direkt am Berg wird der Wetterbericht zur Nebensache. Der Betrieb ignoriert die klassischen alpinen Sperrstunden und geht bis zwei Uhr morgens. Tagsüber liefert die Outdoor-Stage am Gipfel den Panorama-Rave im Schnee. Die Abgrenzung beginnt dabei schon bei der Anreise: Die eigens inszenierte Bahn-Experience macht die Anreise zu einem abgeschotteten Trip, der den Alltag draußen lässt.

Foto: valentino.png

Kompromisslose Headliner-Qualität ohne Winterrabatt

Das SunIce betrachtet den Berg nicht als exotische Ausnahme, sondern als vollwertigen Bestandteil der Festivalrealität. Aktuelle Headliner wie Amelie Lens, ARTBAT, Miss Monique und Stella Bossi sowie aufstrebende Acts wie Oswald schärfen das zeitgenössische Profil, während Künstler wie Timmy Trumpet, CamelPhat oder Alan Walker aus den vergangenen Jahren den konstanten Qualitätsanspruch unterstreichen.

Entscheidend ist, dass internationale Stars im März dieselben Gagen verlangen wie im Sommer auf Ibiza oder in Miami. Da St. Moritz nicht auf einer klassischen Tourroute liegt, wird jeder Auftritt zum kostspieligen Einzelprojekt – inklusive stundenlanger Transfers ab Zürich und Übernachtungen in einer der teuersten Regionen der Schweiz. Wer den Sound großer Sommer-Mainstages ohne Qualitätsverlust in den Schnee verlagern will, muss die Marktgesetze der Szene akzeptieren und die entsprechenden Preise zahlen.

Unternehmerisches Risiko statt reicher Eltern

Hinter SunIce steht weder ein milliardenschwerer Investor noch ein familiäres Vermögen. Das Festival finanziert sich ausschließlich über Ticketverkäufe, Sponsoring und Gastronomie. Wer hier ein querfinanziertes Prestigeprojekt vermutet, liegt falsch. Gründer Loris Moser und sein Team tragen das volle unternehmerische Risiko – in einem Umfeld explodierender Gagen und alpiner Kosten.

Der Standort St. Moritz ist dabei Segen und Fluch zugleich: Einerseits zieht er internationales Publikum und starke Partner an, andererseits treibt er die Fixkosten in extreme Höhen. Die Tatsache, dass das Team zusätzlich ein Sommerfestival betreibt, wirkt dabei wie eine Erdung, denn im Vergleich zum logistischen Ausnahmezustand im Schnee erscheint das Sommer-Event beinahe unkompliziert.

SunIce ist kein komfortables Prestigeprojekt, sondern ein kalkuliertes Risiko mit klarer Handschrift: teuer, aufwendig und bewusst kompromisslos. Wer elektronische Musik abseits von Standard-Settings erleben möchte, findet hier eines der eigenständigsten Winterformate Europas. Tickets und weitere Infos gibt es unter sunicefestival.ch.

Fotocredit: SunIce Festival


Anastasia Jakimowicz

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