Mit CONTRA startet in Berlin ein neues Format zwischen Festival, Plattform und künstlerischem Ausnahmezustand. Ende Mai übernimmt das Projekt das Kraftwerk samt Tresor, Globus und OHM – mit mehr als 70 Acts aus Bass, Clubmusik, Experimental und Live-Performance.
Ein neuer Raum für Reibung
Mit CONTRA startet Ende Mai in Berlin ein neues Format, das sich bewusst schwer in eine klassische Festivalschublade stecken lässt. Am 30. und 31. Mai übernimmt die von Berlin Atonal mitgetragene Veranstaltung das Kraftwerk Berlin sowie die angeschlossenen Räume Tresor, Globus und OHM. Mehr als 70 Künstler sollen dort aufeinandertreffen – aus Clubmusik, experimentellem Sound, Live-Performance und den Zwischenräumen, in denen diese Szenen ohnehin längst verschwimmen.
Eine der zentralen kreativen Kräfte hinter CONTRA ist Skrillex. Der US-Produzent ist nicht nur als Name im Umfeld des Projekts relevant, sondern auch als Signal: CONTRA soll offenbar keine weitere große Brand-Show werden, sondern eine Plattform für musikalische Kollisionen. Für Sounds, die nicht sauber in Bass, Techno, Rap, Performance oder Avantgarde passen wollen.
Kraftwerk, Tresor, Globus und OHM als Festival-Labyrinth
Der Ort ist dafür fast schon zu passend. Das Kraftwerk Berlin gehört zu den eindrucksvollsten Räumen der Stadt, ein ehemaliges Heizkraftwerk mit massiver industrieller Architektur, das in den vergangenen Jahren immer wieder als Bühne für großformatige audiovisuelle Projekte, Clubformate und Kunstveranstaltungen diente. Dass CONTRA zusätzlich Tresor, Globus und OHM einbindet, macht aus dem Wochenende weniger ein lineares Festival als vielmehr einen Parcours durch unterschiedliche Räume, Intensitäten und ästhetische Zustände.
Für die räumliche Gestaltung ist das Pariser Studio Matière Noire verantwortlich. Das Studio arbeitete bereits an Szenografien für internationale Fashion- und Kulturkontexte und soll die monumentale Kraftwerk-Architektur in intimere, lichtverzerrte Atmosphären übersetzen. Klingt nach Pressetext? Ja. Kann in diesem Gebäude aber tatsächlich funktionieren – wenn Raum, Licht und Sound nicht nur Dekoration bleiben, sondern Teil des Erlebnisses werden.
Line-up zwischen Bass, Avantgarde und Club-Extremen
Das Line-up liest sich entsprechend breit und bewusst kantig. Angekündigt sind unter anderem Crystallmess, Juliana Huxtable, Malibu, Nick León, Varg²™, KAVARI, Isabella Lovestory, RHR, Slikback, Jawnino, Flowdan, TYGAPAW, Batu, JASSS, Toma Kami, Bill Kouligas und DJ Babatr. Dazu kommen Namen wie Blawan, Knock2, Bladee, Ecco2K, BNYX, Tohji x Mechatok, ISOxo, Hamdi, DJ Lag, Sarz sowie Nai Barghouti mit Thys und Péter Somos.
Gerade diese Mischung macht CONTRA interessant. Hier geht es nicht um ein sauber nach Genres sortiertes Wochenende, sondern um Reibung: Raptor House trifft auf Dubstep-DNA, experimentelle Clubmusik auf Rap-Fragmente, Bassdruck auf Performance, Internet-Pop-Mutationen auf Berliner Untergrundarchitektur. Dass Bill Kouligas, Gründer von PAN, und der Londoner DJ und Kurator Joe Cotch in die Kuration eingebunden sein sollen, passt zu diesem Ansatz. CONTRA wirkt weniger wie ein Event, das eine Szene abbilden will. Sondern eher wie eines, das mehrere Szenen bewusst gegeneinanderlaufen lässt.
Skrillex denkt größer als den eigenen Namen
Für Skrillex ist CONTRA auch deshalb spannend, weil es an eine Entwicklung anschließt, die sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher abgezeichnet hat. Der Produzent bewegt sich längst nicht mehr nur über den klassischen Festival-Headliner-Status, sondern sucht zunehmend die Nähe zu globalen Clubströmungen, Bass-Experimenten, UK-Einflüssen und hybriden Kollaborationen. Seine jüngere Arbeit mit ISOxo oder seine genreübergreifenden Verbindungen zeigen, dass Skrillex den eigenen Kosmos inzwischen deutlich offener denkt als zu seinen frühen Dubstep-Hochzeiten.
CONTRA könnte genau daraus Kapital schlagen. Nicht, indem es Skrillex ins Zentrum stellt, sondern indem es seinen Namen nutzt, um radikalere, weniger leicht vermarktbare Sounds in einen größeren kulturellen Raum zu holen. Ob daraus eine langfristig relevante Plattform wird oder ein einmaliger Ausnahmezustand bleibt, muss sich zeigen. Der Auftakt im Kraftwerk Berlin ist jedenfalls ein ziemlich klares Statement.
CONTRA findet am 30. und 31. Mai 2026 im Kraftwerk Berlin sowie in Tresor, Globus und OHM statt. Weitere Informationen und Tickets gibt es über Resident Advisor.
Fotocredit: MakeMagazinDE, KraftwerkBerlin, CC BY-SA 4.0

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




