Sicherheit in deutschen Clubs: Verschärfte Situation für Frauen

Sicherheit in deutschen Clubs: Verschärfte Situation für Frauen

Im November des vergangenen Jahres hat das Bundeskriminalamt (BKA) die bislang größte Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ vorgestellt. Gerade bei Frauen zeigt sich ein gesunkenes Sicherheitsgefühl im deutschen Nachtleben. Doch was können Clubbetreiber und Nachtgastronomen tun, um dem entgegenzuwirken? Wir haben mit Bastian Bernhagen, Geschäftsführer des Gibson Club in Frankfurt am Main, gesprochen – denn hier gibt es schon lange Maßnahmen, um das Sicherheitsgefühl zu steigern.

Dunkelfeldstudie des BKA: Sicherheit und Kriminalität in Deutschland

Eine Dunkelfeldstudie soll durch Befragung der Bevölkerung das Gesamtaufkommen bestimmter Straftaten inklusive der Dunkelziffer, also der Straftaten, die nicht zur Anzeige gebracht werden, erfassen, um das Ausmaß dieses Dunkelfeldes einschätzen zu können. Mehr als 46.000 Menschen wurden befragt, wie oft sie in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Straftaten wurden, ob sie diese angezeigt haben und zu ihrem generellen Sicherheitsgefühl.

Die Studie ergab, dass sich besonders Frauen nachts in der Öffentlichkeit nicht sicher fühlen. Gerade einmal 33 % der Frauen fühlen sich nachts in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Begleitperson sicher, bei den Männern sind es immerhin 60 %. Des Weiteren zeigt die Studie, dass ca. 25 % der Frauen große Sorgen in Bezug auf sexuelle Belästigung haben. Der Großteil meidet nachts daher bestimmte Orte, die Nutzung des ÖPNV oder verlässt gar nicht erst das Haus. Und auch hier spiegelt sich wider: Frauen zeigen diese Schutz- und Vermeidungsverhaltensweisen deutlich öfter als Männer.

Eine vergleichbare Studie in der Größenordnung gibt es nicht. Bisher gab es nur zum Teil regional oder inhaltlich begrenzte Befragungen, da eine bundesweit, inhaltlich voll umfassende Studie sehr hohen Arbeitsaufwand, der finanziert werden muss, bedeutet. Aufbauend auf den Fortschritten einiger regionaler Befragungen der vergangenen Jahre, war es jetzt jedoch möglich, die erste bundesweit einheitliche Befragung der Polizei von Bund und Ländern zu verwirklichen. 

Allerdings gab es zuvor schon den Deutschen Viktimisierungssurvey, ebenfalls eine Opferbefragung – zuletzt aus dem Jahr 2017. Sieht man sich die Ergebnisse im Vergleich an, gibt es zwar keine riesigen Sprünge, die Tendenz derer, die sich Sorgen machen und unsicher fühlen, ist jedoch steigend. Diese Entwicklung trifft im besonderen Maße Clubbetreiber und Nachtgastronomen.

Wie sieht es in der Realität aus?

Die Realität in den Clubs bestätigt diese negative Entwicklung:

„Aus meiner Sicht ist es nach der Pandemie ein Stück weit extremer geworden. Die Grenzen verschwimmen noch stärker. Gerade nach der Pandemie merkt man, dass die Leute wahnsinnig kontaktfreudig sind – das aber auch im negativen.“

Nach zwei Jahren voller Lockdowns und Kontaktverboten haben viele Menschen das Bedürfnis, neue Kontakte zu schließen und schießen dabei auch gerne mal über das Ziel hinaus.

„Es ist eine neue Art der Übergriffigkeit. Das gab es vor der Pandemie so nicht, dass Leute einfach wirklich willkürlich Kontakt suchen, dass man wirklich angefasst wird. In dieser Form gab es das früher aus meiner Sicht nicht.“

Prävention von sexuellen Übergriffen

Es gibt mittlerweile bundesweite Kampagnen zur Prävention von sexuellen Übergriffen oder Opfer, die selbst das Zepter in die Hand genommen und Initiativen zur Prävention und vor allem zur Veränderung gegründet haben. Denn ein wichtiger Punkt ist die Enttabuisierung von sexueller Gewalt und sexuellen Übergriffen. Die Opfer müssen sprechen können und dürfen, sich trauen und wahr sowie ernst genommen werden.

Prävention durch Maßnahmen von Clubs: Der Gibson Club in Frankfurt am Main

Doch was kann von Clubs zur Prävention beigetragen werden? Der Gibson Club in Frankfurt am Main macht es vor.

„Dass sich so viele Frauen nicht sicher fühlen, zeigt, dass es hier viel zu tun gibt. Wir in der Nachtgastronomie dürfen uns nicht aus der Verantwortung ziehen.“

Der Clubbesitzer sieht einen dringlichen Bedarf zum Dialog über Sicherheit im deutschen Nachtleben und er selbst steht mit seinem Frankfurter Club in der Vorbildfunktion und hat die Entwicklung der Unsicherheit bereits früh erkannt. Schon seit 2014 gibt es hier Maßnahmen, die das generelle, aber vor allem das Sicherheitsgefühl der Frauen steigern sollen.

„Der Grundgedanke von Clubs ist: Du schaffst einen sicheren Raum, wo sich Leute treffen können, wo sich Leute austauschen können.“

Dazu gibt es zum Beispiel nicht nur die herkömmliche Security, sondern zusätzlich auch einen Selekteur an der Tür. Mit dieser Maßnahme wird man es nicht allen recht machen können, da so große Männergruppen oder schon stark alkoholisierte Personen direkt am Einlass abgewiesen werden, jedoch kann solch eine angenehmere Atmosphäre für die Gäste, die bereits im Club sind, geschaffen werden. Dafür achtet der Selekteur unter anderem auch auf die generelle Besucherstruktur: Um den Clubbesuch für alle Gäste angenehm und so sicher wie möglich zu machen, wird an der Tür sehr situationsbasiert gearbeitet.

„Lieber einmal zu viel „Nein“ sagen, als einmal zu viel „Ja“ sagen!“

Außerdem gibt es im Gibson Club einen persönlichen Begleitschutz für die Gäste. Jeder Gast kann sich auf dem Weg zum Auto, zum Taxi oder zum ÖPNV von der Security begleiten lassen, da gerade für die Frauen oft nicht der Clubbesuch an sich, sondern eher der Weg nach Hause die Unsicherheiten aufbringt. Dieses Angebot wird aktuell von ca. 5 % der Gäste genutzt. 

Bastian Bernhagen wünscht sich, dass mehr Clubs und Nachtgastronomen solche Konzepte ausarbeiten und anwenden – dies kann natürlich nicht durch Copy-and-paste, sondern muss zwingend individuell für jeden Club, jede Bar geschehen. Dazu ist der erste Schritt, dass Betreiber anerkennen müssen, dass es ein Problem gibt und dass die Verantwortung nicht einfach an der Clubtür abgegeben werden kann. Jeder Club muss individuell die Aspekte, die das Sicherheitsgefühl in ihrem Laden negativ beeinflussen, erkennen und gegen genau diese vorgehen. Von Bund und Ländern muss es eine noch höhere Polizeipräsenz in der Nacht geben, gerade an viel besuchten Straßen und Orten, dort wo die Leute hingehen.

Initiativen von Bund und Ländern

Doch ist Präventionsarbeit Privatsache von Clubbetreibern?

In Baden-Württemberg gibt es bereits die Kampagne „nachtsam. Mit Sicherheit besser feiern“.  Die Kampagne des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration setzt da an, wo Grenzen überschritten und Feiernde belästigt werden. Das Ziel ist es, dass Mitarbeitende im Nachtleben besser geschult und achtsamer durch ihren Berufsalltag gehen, die Sensibilisierung zum Thema sexuelle Belästigung und Übergriffe und auch das Bekanntmachen von landesweiten Angeboten für Opfer. Für die Initiative kann sich jeder Clubbetreiber und Veranstalter kostenlos anmelden.

Auf Nachfrage beim Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI), ob es bundesweite Überlegungen und Ansätze gibt, heißt es, dass sowohl die Personenbeförderung als auch der Vollzug des Gaststättenrechts bei den Ländern liegt und daher keine länderübergreifenden Maßnahmen seitens des BMI geplant sind.

Allerdings gibt es durch die polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes bereits umfangreiche Materialien für junge Menschen, wo Interessierte z. B. Tipps finden, wie sie sich bei einem körperlichen Angriff verhalten sollten, Empfehlungen für sicheres Feiern finden oder auch wie sie sich vor K.-o.-Tropfen schützen können.

Fotocredits: Aleksandar Pasaric

"Ist Luisa hier?"

Mit diesem Satz können Frauen in Not-Situationen in vielen Nachtgastronomien diskret auf die Situation aufmerksam machen und bekommen durch das geschulte Personal Hilfe. Die Kampagne wurde im Dezember 2016 vom Münsteraner Frauen-Notruf gestartet. Doch auch hier: Die Kampagne ist vieler Orts bekannt, aber nicht überall ist das Personal auch passend geschult. Eine gute und wichtige Kampagne ist es trotzdem!


Lena Meickmann

Lena Meickmann