Den eigenen Track veröffentlichen, Menschen erreichen, irgendwann von der Musik leben: Zwischen diesen Schritten kann viel unbezahlte Arbeit liegen. Eine internationale Befragung von mehr als 5.000 unabhängigen Artists zeigt, wie schwer dieser Weg für viele ist. Und wie viel inzwischen dazugehört, bevor überhaupt jemand auf Play drückt.
Wenn der Feierabend zur Studiozeit wird
Es braucht keine große Bühne, damit Musik einen großen Teil des Lebens einnimmt. Manchmal reichen ein Laptop, ein Paar Kopfhörer und die Abende, an denen man doch wieder an diesem einen Track sitzt. Noch einmal die Bassline ändern, hier etwas glätten, den Mix auf anderen Boxen hören. Wer selbst produziert, kennt solche Entscheidungen. Ob sich diese Stunden irgendwann auszahlen, steht auf einem anderen Blatt.
Wie weit Leidenschaft und Lebensunterhalt auseinanderliegen können, zeigt der „Independent Music Report 2026“ des Musikvertriebs Ditto Music: 74 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten weniger als 1.000 US-Dollar mit ihrer Musik verdient zu haben. Gemeint sind die gesamten Musikeinnahmen, nicht allein Streaming-Erlöse. 64 Prozent arbeiten zusätzlich in einem Vollzeit- oder Teilzeitjob außerhalb der Musik.
Ein anderer Job kann die Freiheit schaffen, musikalisch eigene Entscheidungen zu treffen. Er beansprucht allerdings auch Zeit, die dann für Produktionen, die Vorbereitung eines Sets oder schlicht zum Abschalten fehlt. Und selbst die Stunden, die für das eigene Musikprojekt bleiben, gehören längst nicht automatisch der Musik.
Der Track ist fertig. Die Arbeit geht weiter.
Zum Release braucht es plötzlich auch eine Idee fürs Reel, einen passenden Ausschnitt und einen Text, der zum Zuhören einlädt. Aus dem Menschen hinter dem Track wird dessen Pressestelle. Wer gerade noch über einen Sound nachgedacht hat, beschäftigt sich anschließend damit, wie er im Feed auffällt.
Für die Befragten gehört diese Arbeit ganz überwiegend dazu: 86 Prozent erstellen Social-Media-Content, um ihre Musik zu bewerben. Zugleich nennen 67 Prozent soziale Videoplattformen als wichtigste Quelle neuer Fans. Die zusätzliche Arbeit hat also einen nachvollziehbaren Grund. Dort gibt es die Chance, Menschen zu erreichen, die sonst womöglich nie auf das eigene Release gestoßen wären.
Darin steckt auch etwas Schönes: Ein Ausschnitt aus dem Homestudio kann jemanden auf der anderen Seite der Welt begeistern. Schwierig wird es, wenn sich zu jeder musikalischen Idee sofort die Frage gesellt, wie sie sich vermarkten lässt. Die Freude am fertigen Track braucht schließlich nicht zwingend eine Kamera, die dabei mitläuft.
Wie lange lässt sich das durchhalten?
32 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwölf Monaten darüber nachgedacht, mit dem Musikmachen aufzuhören. Die Zahl erklärt nicht, was im einzelnen Fall dahintersteckt. Sie gibt aber Anlass, genauer hinzusehen, wenn über die Möglichkeiten unabhängiger Artists gesprochen wird.
Die Ergebnisse sind dabei kein repräsentatives Bild der gesamten Musikbranche oder speziell der elektronischen Szene. Ditto befragte 5.039 Artists aus 112 Ländern über die eigene Community. Alle haben bereits über den Anbieter veröffentlicht. Vertreten sind unterschiedliche Genres und Karrierestufen.
Für die elektronische Musik bleibt die Frage trotzdem relevant: Wie viel Zeit und Kraft können Menschen dauerhaft in ihre Tracks stecken, wenn sich diese Arbeit kaum trägt? Nicht jeder möchte von der Musik leben. Aber wer es versucht, sollte dafür nicht belächelt werden. Hinter einem Release, das wir beim Durchhören nach wenigen Sekunden weiterschalten, können Monate liegen, die jemand zwischen Arbeit und Alltag dafür freigeräumt hat.
Fotocredit: Bert Christiaens

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




