Barrierefreies Feiern
Culture

Barrierefreies Feiern: So beklemmend ist die Lage in Deutschland!

Barrierefreies Feiern: So beklemmend ist die Lage in Deutschland!

München schätzt Barrierefreiheit!

Laut einer aktuellen Studie (2016), die für die Organisation "Aktion Mensch" durchgeführt wurde, ist die barrierefreiste Stadt in Deutschland, München. Berlin, Frankfurt und Hamburg landen auf den Plätzen zwei bis vier und Köln ist das Schlusslicht, wenn es um Barrierefreiheit geht. Hättest du das gedacht?

Marie

Marie

Autorin

 

M:[email protected]


Ohne Schwierigkeiten feiern zu gehen, ist nichts Selbstverständliches – vor allem, wenn man körperlich beeinträchtigt ist. Deutschland barrierefrei? Pustekuchen! Deshalb hat sich unsere Redakteurin Marie ein Bild von der Lage gemacht und nachgefragt, was in punkto barrierefreies Feiern wünschenswert wäre.

Barrierefreies Feiern in Clubs...geht das?

Beinahe jedes Wochenende zieht es uns aufs Neue in die Clubs. Ohne Schwierigkeiten laufen wir die Treppe zur Garderobe hinunter, öffnen die Clubtüren und schon geht’s ab auf die Tanzfläche – der Vorgang scheint ganz natürlich und unbeschwert.

Doch was, wenn man körperlich beeinträchtig ist und dadurch für einen der Weg zur Tanzfläche mit unzähligen Hindernissen gespickt ist? Was, wenn man durch mangelhafte bauliche Gegebenheiten auf die Hilfe anderer angewiesen ist? Was, wenn Barrierefreiheit im Club vergessen wurde? 

Barrierefreiheit

Oft nicht bedacht...

Barrierefreiheit betrifft uns, im Sinn einer solidarischen Gesellschaft, alle gleichermaßen: Ein Unfall oder eine unerwartete Krankheit, all diese Umstände können dazu beitragen, dass wir plötzlich körperlich beeinträchtigt sind.

Die Statistiken machen es deutlich: Laut DeStatis (Stand 2017) leben in Deutschland 912.339 Menschen, die unter einer Funktionseinschränkung von Gliedmaßen leiden. Weitere 852.252 müssen mit Einschränkungen im Rumpf- und Wirbelsäulenbereich zurechtkommen.

Doch trotz der für sich sprechenden Zahlen, bemühen sich nur wenige Partylocations darum, eine barrierefreie Atmosphäre zu schaffen – und das, obwohl die Clubchefs seit 2006 gesetzlich dazu verpflichtet sind. Erschreckend ist ebenfalls, dass viele Menschen mit Handicaps im Club mit positiver Diskriminierung konfrontiert werden. Damit ist gemeint, dass diese aufgrund ihrer Beeinträchtigungen besser, oder gar anders behandelt werden – doch genau das ist der falsche Weg zur Inklusion.

Viel gesagt, wenig passiert...

Ab und zu werden doch ein paar Stimmen laut: Erst im Sommer dieses Jahres hat sich Musicboard-Chefin Katja Lucker dafür eingesetzt, dass mehr Clubs und Musikhallen in Berlin barrierefrei gestaltet werden: „Alle sollten in Berlin feiern können, ganz egal, wer sie sind.“, hieß es auf Anfrage der deutschen Presseagentur. Bislang ist dahingehend aber noch wenig passiert – auch in der Schweiz und in Österreich steckt barrierefreies Feiern noch in den Kinderschuhen.

Doch was wünschen sich eigentlich Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung beim Feiern? Didar, der seit 10 Jahren im Rollstuhl sitzt, hat es uns in einem offenen Gespräch verraten.

Barrierefreiheit

Offene Worte...

Der 25-jährige Didar leidet unter Muskeldystrophie, einer Krankheit, bei der die Muskeln immer schwächer werden. Überdies hat er auch noch mit Osteoporose zu kämpfen. Schäden im Beinbereich haben ihn zwar an seinen Rollstuhl gebunden, dennoch gehört er zu den vier wenigen Fällen auf der ganzen Welt, bei dem die Muskelfunktionen stabil bleiben. Zudem könne man die Osteoporose auch gut behandeln, wie er verrät. Mit Charme erklärt er, „Glück im Unglück“ zu haben.

Trotz seines Handicaps lässt sich Didar nicht vom Feiern abbringen und an Positivismus mangelt es ihm auch nicht. Er habe genug Selbstvertrauen und könne sich auch immer auf die Hilfe von seinen engsten Freunden verlassen. Doch all das hilft nichts, wenn der Wille nicht da ist – fast alles könne er alleine machen, eben auch das Feiern.

Gerne geht er am Wochenende in zwei ausgewählte Clubs und gibt alles. Allerdings muss Didar auch ab und zu Mitleid von anderen einstecken. Sätze wie: „Respekt, du traust dich in den Club zu gehen.“, bekam er schon des Öfteren zu hören, auch wenn er weiß, dass es nicht „böse“ gemeint ist. Dabei sind Rollstuhlfahrer doch normale Menschen, nur mit Handicap. Didar wünscht sich deshalb, dass man ihn genauso behandelt, wie jeden anderen auch.

Zuletzt gibt der 25-Jährige noch Preis, dass er es begrüßen würde, wenn noch mehr Clubs auf Barrierefreiheit achten – sonst wäre er nämlich noch häufiger auf Hilfe angewiesen. Weniger Stufen und mehr Aufzüge sollte es zukünftig geben – die baulichen Gegebenheiten müssten eben an spezielle Bedürfnisse angepasst werden, so der passionierte Clubbesucher.

Im Nachsatz appelliert Didar nochmals an alle Rollstuhlfahrer und sagt ganz frei: „Traut euch in die Clubs zu gehen und genießt einfach euer Leben!“

Fotocredit: Unsplash

München schätzt Barrierefreiheit!

Laut einer aktuellen Studie (2016), die für die Organisation "Aktion Mensch" durchgeführt wurde, ist die barrierefreiste Stadt in Deutschland, München. Berlin, Frankfurt und Hamburg landen auf den Plätzen zwei bis vier und Köln ist das Schlusslicht, wenn es um Barrierefreiheit geht. Hättest du das gedacht?

Marie

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03.01.19 15:50