Mitten in der Debatte um schwere Vorwürfe in der Hard-Techno-Szene hat Amelie Lens ein Statement veröffentlicht. Darin beschreibt sie Sicherheit nicht als Randthema, sondern als Realität ihres Jobs und kritisiert eine Kultur des Wegschauens. Ihr Appell richtet sich dabei auch ausdrücklich an „die guten Männer“: Sie sollen nicht relativieren, sondern eingreifen.
„Wir sind müde“: Wenn Sicherheit zur Eigenleistung wird
Amelie Lens beginnt ihr Statement mit einem einprägsamen Satz: Der Dancefloor sei ihr Zuhause, der Backstage-Bereich ihr Arbeitsplatz – doch in beiden Bereichen fühle sie sich nicht sicher. Sicherheit sei viel zu lange als „Frauenproblem“ behandelt worden. Die Folge, so Amelie Lens, sei, dass Frauen zu ihrer eigenen Security würden: Sie behielten die Drinks im Blick, checkten die Türen und entwickelten Warnsignale, weil sie sich nicht trauten, Dinge laut zu sagen.
Sie beschreibt auch diese stille Ebene von „Awareness“, die viele kennen: ein Blick, der andere Frauen warnt, oder das Nicht-allein-lassen einer Freundin nach einem Drink – aus Erfahrung weiß man, was passieren kann, wenn man nur kurz nicht aufpasst. Am meisten trifft sie persönlich das Mitlachen und Mitlaufen der „Bros“, die danebenstehen und die Situation mittragen.
Kein Rundumschlag gegen Männer – aber ein Rundumschlag gegen Schweigen
Amelie Lens macht ausdrücklich klar, dass sie nicht „Männer als Ganzes“ angreift. Ihr Ziel sei Rechenschaftspflicht für schädliches Verhalten – und vor allem die Kultur, die es fortbestehen lässt: Schweigen, Verharmlosung, das Schützen von Reputationen, bevor Menschen geschützt werden.
In diesem Kontext rechnet sie auch mit dem Klassiker „nicht alle Männer“ ab, allerdings auf eine Art, die den Satz nicht einfach wegwischt: Ja, nicht alle Männer sind verantwortlich. Genau deshalb komme es auf diejenigen an, die eingreifen. Die entscheidende Frage sei nicht, ob „alle Männer“ schuld sind, sondern: Wer unterbricht den Witz? Wer checkt seinen Freund? Wer weigert sich, wegzuschauen?
„Der Täter ist oft nicht der Fremde“ und warum Beweise so oft fehlen
Amelie Lens beschreibt eine Diskrepanz, die in der Diskussion immer wieder auftaucht. Während sich viele Übergriffe als „dunkle Gasse“ vorstellen, spricht sie vom Gegenteil: dem „Bro in der DJ-Booth“, dem Typen, mit dem man gerade noch einen Drink geteilt hat. Dazu passt auch ihr Punkt zur Beweisfrage: Wenn Frauen über Übergriffe sprechen, wird oft sofort ein „Beweis“ verlangt, gleichzeitig sind sexualisierte Übergriffe, Belästigung und Machtmissbrauch in der Praxis jedoch schwer zu belegen, oft geschehen sie ohne Zeugen und bergen ein massives Reputationsrisiko für die Betroffenen.
Sie ergänzt dies mit einem globalen Zahlenhinweis – eine von drei Frauen erlebt im Laufe des Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt – und kritisiert, dass Mädchen deutlich früher lernen, sich „richtig zu verhalten“, während Jungen seltener systematisch zu Grenzen, Respekt und Intervention erzogen werden.
Ein persönlicher Block
Besonders eindringlich wird es, als Amelie Lens eine eigene Erfahrung schildert: Sie beschreibt, wie sie sich mit einer großen Menge an Nachrichten eines Mannes, der ihr Gewalt androhte, an die Polizei wandte – und wie wenig Hilfe sie dabei empfand. Daraus leitet sie eine bittere Frage ab: Wenn selbst dann wenig passiert, wenn man Material in der Hand hat, wie soll man sich in Clubs sicher fühlen, in denen Missbrauch oft leise und unsichtbar abläuft?
Auch das Thema Verleumdung greift sie auf. Verleumdungsvorwürfe und juristische Drohkulissen würden aus ihrer Sicht teils als Waffe genutzt, um Betroffene zum Schweigen zu bringen. Sie macht klar, dass sie nicht bereit ist, ihre persönlichen Traumata immer wieder öffentlich auszubreiten, nur damit andere endlich aktiv werden. Ihr Schlusssatz bringt es auf den Punkt: „Die Wahrheit ist keine Verleumdung, sondern eine Abrechnung.“
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Fotocredit: Daniil Lavrowski

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




