Avicii hebt die Hände hoch
Exclusive

Psychotherapeutin zu Avicii: "Künstler brauchen heute einen Mental-Coach"

Psychotherapeutin zu Avicii: "Künstler brauchen heute einen Mental-Coach"

Der Suizid von Avicii hat die Musikindustrie und die Fans des Schweden schockiert. Viele fragten sich, wieso sich ein erfolgreicher Mensch wie er das Leben nimmt. Wir haben mit einer Ärztin für Psychosomatik gesprochen und versucht auf diese Frage - und viele weitere - Antworten zu finden.

Henri

Henri

Stellv. Redaktionsleiter

 

M:[email protected]


Avicii war erfolgreich, reiste viel, sah die Welt, hatte seine Freunde um sich, eine liebende Familie, machte das was er liebte, wurde damit sehr reich - und nahm sich trotzdem das Leben. Welche Aspekte sehen viele hier nicht?

Ich glaube die Öffentlichkeit sieht hier besonders den Erfolg, den Avicii hatte, nicht aber den Preis, den er dafür zahlen musste. 
Auf Grund der eigenen Berühmtheit steht man ja auf immer größeren Bühnen und ist von Leuten umgeben ist, die einem zwar wohlgesonnen sind, die einen aber nicht kennen. Das kann für introvertierte Menschen wie ihn extrem belastend sein und zu einer Entfremdung führen.

Aus der Berühmtheit erwachsen auch Verpflichtungen den Fans gegenüber und es erfolgt Druck aus der Musikbranche, immer weitere Welthits abzuliefern, immer weitere und größere Auftritte zu absolvieren.

Nicht jede Persönlichkeit ist für diese Berühmtheit gemacht. Wenn jemand wie Bergling sich dem dann aussetzt, dann kann das für einen Stress sorgen, der nachhaltig den Menschen psychisch schädigt.

Im Rahmen der Dokumentation konnte man sehen, dass Bergling unter massiven Angstzuständen unter anderem wegen seiner Auftritte litt. Was löst diese aus? Verschwinden diese, wenn der Grund für die Angst entfällt?

Jeder Mensch hat zu einem gewissen Grad Angst vor öffentlichen Auftritten, das sogenannte "Lampenfieber", das einem hilft auf den Punkt Höchstleistung abzuliefern. Avicii hat diese Angst aber offensichtlich auch auf einer anderen Ebene erlebt. Das kann sich dann auch in den Alltag hereinziehen.

Aus immer wieder erlebten Angstzuständen kann sich dann eine Angststörung entwickeln, die den Mensch auch nach Wegfallen des eigentlichen Auslösers noch begleitet. Oft entwickeln sich dann auch Selbstzweifel, den Anforderungen nicht zu genügen und daraus tiefergreifende Depressionen.

Avicii versuchte sich vor Auftritten Mut anzutrinken. Auf Grund des hohen Alkoholkonsums bekam er eine Pankreatitis, Gallenblase und Blinddarm mussten entfernt werden. Welchen Einfluss haben die dauerhaften Schmerzen und Schmerzmittel auf die menschliche Psyche?

Oxycodon und Percocet sind ärztlich verordnete Drogen, die abhängig machen können und bei dauerhafter Einnahme aufgrund des Gewöhnungseffektes immer höher dosiert werden. Es ist gut dokumentiert, dass eine längere Einnahme von starken Schmerzmitteln den Menschen psychisch verändert.

Oxycodon als Opioid kann u.a. Stimmungsveränderungen bewirken. Alkohol verstärkt wiederum die Wirkung der Medikamente und der Symptome. Chronische Schmerzen machen sogar nachgewiesen depressiv. Insofern war Avicii in einer Teufelsspirale gefangen.

Mit der Kombination aus den Schmerzen - von denen man sich auch mit Schmerzmitteln nicht immer lösen kann – dem Stress der Tour und den Schmerzmitteln beraubt man sich auf Dauer der eigenen Gesundheit. Auf den Touren hat er versucht mit Hilfe der Medikamente wie eine Maschine zu funktionieren, hat kaum Pausen gemacht.

Am Ende der Tour mit dem Abklingen des hohen Stress- und Adrenalinlevel fällt man oft in ein Loch. Avicii ist als junger Mann berühmt geworden, bevor er in seiner Persönlichkeit gefestigt war und gelernt hatte, mit solchen Schwankungen umzugehen, dadurch war seine psychische Gesundheit besonders gefährdet. All das war ein Nährboden für Depressionen und Suizidgedanken.

Avicii war im Urlaub, gemeinsam mit Freunden. Wieso bringt man sich in so einer Situation um? Kann so etwas vielleicht auch der Auslöser für so eine Entscheidung sein? 

Ja, solche Situationen können Auslöser für einen Selbstmord sein. So kann beispielsweise im Urlaub die Erkenntnis kommen, dass man sich eigentlich überhaupt nicht mehr entspannen kann. Das belastet, das kann einen Menschen auffressen.

Es ist auch denkbar, dass Menschen sich im Urlaub das Leben nehmen, weil sie schon zuvor die Entscheidung dazu getroffen haben und den Urlaub als Abschied nutzen. Näheres lässt sich dazu aber ohne Kontakt zu dem Mensch Tim Bergling für seinen Fall nicht sagen. 

Aus Aviciis Umfeld kamen nach dem Tod vermehrt Beteuerungen, es hätte ihm gut gegangen und er wäre glücklich gewesen. Kollegen berichten auch über Pläne von Avicii wieder auf Tour zu gehen. Wie passt das mit dem Suizid zusammen? Wieso hat sein Umfeld nichts gemerkt?

Möglich sind zwei Szenarien. So könnte Bergling unter Umständen seinen Suizid schon geplant haben und wollte sein Umfeld in Sicherheit wiegen. Dadurch, dass man so eine Entscheidung gefällt hat, kann man auf die Menschen um sich herum auch gelöst wirken. 

Andererseits kann es auch sein, dass sich Avicii auf dem Weg der Besserung befand. Dabei könnte er aber durch einen Anfall von Angststörungen oder ein erneutes Auftreten von heftigen Schmerzen einen Rückschlag erfahren haben, was ihn dann zu einer Affekttat gebracht hat. Das sind aber nur Hypothesen.

Kurt Cobain, Chester Bennington, und Avicii: Die Suizidfälle in der Musikindustrie häufen sich. Was muss getan werden um Künstler vor dem Stress und dem Druck zu schützen?

Möglich wäre zum Beispiel, dass tourenden Musikern ein Mental-Coach zur Seite gestellt wird. Das ist im Hochleistungssport bereits üblich. Ich halte das auch für nötig. Generell muss aber dafür gesorgt werden, dass alle Teile der Musikindustrie für das Thema Stress, Druck und Depressionen sensibilisiert werden. Schließlich muss Erfolg auch verarbeitet werden. 

Wenn das Umfeld in der Musikindustrie dafür kein Verständnis hat und das nicht fördert, dann gefährdet es die Gesundheit der Musiker. 

Zur Person:

Dr. Barbara Jäger ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie studierte Medizin an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und gründete vor 18 Jahren in Offenbach ihre eigene Praxis. Psychosomatik faszinierte sie schon bevor es dafür überhaupt einen Facharzt in Deutschland gab. Dadurch ist sie eine der ersten und erfahrensten Fachärztinnen in diesem Fachgebiet in der Bundesrepublik.

Das Interview führte Henri Johna.

Wenn du oder eine Person in deinem Umfeld unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktier bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800-1110111 ! 

Fotocredits: Rukes

Henri

Henri

Stellv. Redaktionsleiter

 

M:[email protected]


zurück
02.05.18 19:50