Kein klassisches Festival, sondern ein durchgehender Zustand: Im Kraftwerk Berlin entsteht im Mai ein 30-stündiges Format aus Musik, Videokunst und Installation, das Schlaf, Raum und Wahrnehmung neu zusammendenkt.
Ein 30-Stunden-Experiment im Kraftwerk Berlin
Mit „The Infinite Now“ präsentieren Berlin Atonal und Unsound ihre erste offizielle Zusammenarbeit. Am 16. und 17. Mai verwandelt sich das Kraftwerk Berlin in eine durchgehende Gesamtumgebung aus Musik, Film, Videokunst und Installationen, die ohne Unterbrechung ineinander übergehen.
Der zentrale Punkt: Das Format versteht sich ausdrücklich nicht als klassisches Festival, sondern als Experiment. Über 30 Stunden hinweg entsteht ein kontinuierlicher Ablauf, in dem mehr als zwanzig Künstler in einem einzigen Zeitrahmen auftreten. Ohne klaren Anfang, ohne klassisches Ende. Im gesamten Kraftwerk entstehen dafür Bereiche zum Schlafen und Ausruhen, während Essen und Getränke durchgehend verfügbar sind.
Das Publikum soll sich nicht nur durch das Line-up bewegen, sondern auch durch verschiedene Zustände – zwischen Wachheit, Erschöpfung, Rückzug und tiefer audiovisueller Versenkung. Schlaf ist hier kein Nebeneffekt, sondern Teil der Idee. „The Infinite Now“ behandelt ihn als Form des Zuhörens, nicht als Unterbrechung.
Musik, Film und Installation im Fluss
Anstelle einer klassischen Timetable-Dramaturgie entwickelt sich das Programm durch verschiedene Zustände: Dämmerung, Nacht, Morgengrauen und Tag. Dabei wird das Kraftwerk selbst zum aktiven Raum, der sich mit jeder Phase verändert.
Parallel zur Musik werden im gesamten Gebäude Film- und Installationsarbeiten gezeigt, unter anderem von Lois Patiño, Romeo Castellucci, Fabien Giraud & Anne Stern sowie Brennan Wojtyla. Der Effekt ist kein lineares Event, sondern eine Umgebung, die man bewohnt – mit Momenten zum Zuhören, Wegtreten, Zurückziehen oder einfach Dasein.
Premieren, Hörsessions und seltene Auftritte
Zu den Höhepunkten des Programms zählt unter anderem Caterina Barbieri, die am Samstag um 22 Uhr die deutsche Premiere eines neuen Werks für Elektronik, Vokalensemble und Blechblasinstrumente präsentiert, begleitet von einem eigens entwickelten Lichtkonzept.
Kali Malone bespielt am Sonntagmorgen zwischen 4 und 8 Uhr die ruhigsten Stunden mit einer Live-Hörsession aus größtenteils unveröffentlichten Installationsarbeiten. Direkt im Anschluss folgt Adam Wiltzie mit einer Neuinterpretation des Katalogs von „Stars of the Lid“ – gedacht für ein Publikum, das sich bereits am zweiten Tag dieses Formats befindet. Weitere Höhepunkte sind Keiji Haino mit zwei unterschiedlichen Sets (Stimme sowie Gitarre und Elektronik), Terrence Dixon mit einer Weltpremiere und Marginal Consort, die für einen seltenen Europa-Auftritt ins Kraftwerk zurückkehren.
Im Vorfeld von „The Infinite Now“ laden Berlin Atonal und Unsound außerdem zu drei eigenständigen Prelude-Konzerten in den Hauptsaal des Kraftwerks. Den Auftakt macht Oneohtrix Point Never mit seiner Live-Show „Tranquilizer“, bei der er von Freeka Tet unterstützt wird. Den Abend eröffnet Piotr Kurek. Beim zweiten Prelude-Konzert steht Chilling Bambino, das Alter Ego von Hania Rani, auf dem Programm, ergänzt durch ein Opening Set von Torus. Beim dritten Konzert bringt die Sinfonietta Cracovia „The Sinking of the Titanic“ und „Jesus’ Blood Never Failed Me Yet“ von Gavin Bryars sowie das neue Werk „Pure Voices“ von Aleksandra Słyż ins Kraftwerk.
Mehr Versuchsanordnung als Festival
„The Infinite Now“ setzt bewusst auf ein Format, das sich klassischen Erwartungen entzieht. Anstelle klarer Höhepunkte oder Headliner-Momente entsteht eine 30-stündige, ununterbrochene Erfahrung, in der Musik, Raum, Ruhe und Wahrnehmung ineinander übergehen. Wer hier hingeht, kommt nicht für einzelne Acts. Sondern für das, was dazwischen passiert.
Tickets für das Format sind über Resident Advisor erhältlich.
Fotocredit: Frankie Casillo

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




