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Anthony Rother - Traumreise
10/03/13

Die letzte Platte


„Antonio, Antonio!!!!!“. Ich liege in meiner vollen Pracht auf dem Bett in einem Seniorenheim im
Jahre 2072 und rufe nach meinem Pfleger. So eine Woche im Enddomizil kann ganz schön langweilig
sein, da muss man schon selbst für ein bisschen Spaß sorgen. Mein Enkel, oder wie ich ihn gerne
liebevoll nenne „Kleines Arschloch!“ hat mich hier vor 3 Jahren ein- quartiert und aus meiner Wohnung
einen Bubbletea-Laden gemacht.  Heute ist Waschtag im Heim. Da sind alle noch aufgeregter, als an
dem Tag im Monat, an dem es Pommes in der Kantine gibt. Antonio mag den Waschtag nicht. Ich schon.
Oft musste er meinen sexuellen Übergriffen standhal ten. Dutzende Male habe ich seine finanzielle
Not ausgenutzt und mir für 20 € eine kleine Show von ihm zeigen lassen. „Komm schon Junge, ich weiß
doch, dass du das auch gern machst.“ Nur widerwillig zog Antonio seine Hose runter: Schlapp, schlapp,
schlapp, schlapp! „Ach Junge, das erinnerte mich immer an meinen 3. Ex-Mann.“

Antonio hat sich dieses Mal Unterstützung geholt für den Waschtag. Als er mich das letzte Mal
heben wollte, bekam der Kleine einen Darmriss und daraufhin Hämorriden. Denn inzwischen habe ich
ein stolzes Kampfgewicht von 180 kg erreicht. Gott sei Dank hat die moderne Technik viele unter-
stützende Geräte entwickelt.  So bin ich mit meinem getunten Rollator die Schnellste auf dem Gang
und zeige auch beim Driften derbe Styles. Antonios Hämorriden machten mich nostalgisch:
„Weißt du Antonio, als ich noch jung war, gab es mal da so eine Frau. Die hatte auch Hämorriden,
die hat sie sich aber beim Rasieren aufgeschnitten und bekam eine, wie heißt das noch mal,
jaaaa Analfissur. Sie hat sogar ein Buch darüber geschrieben. So ne ekelhafte Babbsau! Wie hieß
das Buch noch mal. Ach ja Charlotte Roche.“ Aber Antonio hatte nichts übrig für Klassiker.
Seine Generation las keine Bücher mehr.  Schon gar keine über kranke Schlampen, die sich
Avocados irgendwo reinstecken, wo diese nicht hingehören.

Mit vereinten Kräften rückt der Waschtrupp zum Dienst an. Mit einem Ruck ziehen sie mir das
Nachthemd aus und meine Schlauchbrüste fallen auf den Boden. Zwei Pfleger halten den Bauch-
lappen fest und legen je eine Schlauchtitte auf, während der Dritte  mit einem Mopp zwischen den
Hautfalten wischt. Ich genieße die Anwendung und die seltenen Zärtllichkeiten und beteuere:
„Ihr Jungs wisst wirklich wie man mit einem Mopp umgeht.“ Wieder sauber, bereite ich mich auf
die lange Nacht vor. Heute ist Senioren Rave im Gemeinschaftsraum Berghain und der 108jährige
Sven Väth wird heute angeblich auflegen. „Gudde Laune!“ schreie ich Antonio ins Gesicht, der
verständnislos den Kopf schüttelt. Gerade als mein faltiger Hintern den Tigertanga und mein
Arschgeweih verschluckt, geht der 100 Zoll 3D Fernseher an und mein Enkel erscheint auf Skype.
„Bääähhhh Oma, zieh dir doch mal was an! Na, wie geht’s dir denn so?“ „Wie schon? Scheiße,
ich bin alt! Ich bin busy und jetzt off. Peace out, Alter!“

Einige Minuten später rolle ich mit Vollgas über den Gang. Hinter mir eine Horde Pfleger. „Hey!
Haltet Sie! Sie hat wieder den Medikamentenschrank geplündert.“  Nach einer Leibesvisitation
muss ich die  Tablettenflaschen wieder rausrücken. Frustriert beschimpfe ich die Pfleger als
Opfer und fahre dann weiter zum Zimmer meiner Freundin. „Yo Bitch! Was läuft.“, frage ich.
„Meine Blase!“, antwortet sie. Wie gesagt, das meiste haben mir die Pfleger abgenommen.
Jedoch bietet so ein dicker Bauch wie meiner auch einige Vorteile. In meinen Bauchnabel passt
zum Beispiel eine komplette Faust bis zum Gelenk. Ich hatte mal um ‘nen Fuffi mit der senilen Linda
ausdem dritten Stock gewettet. Mehrfach! Das Video "Bauchnabelfisting Oma" war bei Youporn der
Renner. Ihre Hand riecht immer noch ein bisschen nach Bauchnabel.

Unsere Freunde treffen langsam zum Vorglühen ein. Michael hat in sich Wodka Red Bull in seinen Infusi-
onsbeutel gefüllt. Meine Freundin macht mit ihrem iPhone 4.000 nano galaxy ultra noch ein Duckface-
bild für Oldassbook. „Heute geht’s ab <3 <3 <3.“. Gicht-Gregor aus dem anderen Seniorenheim sagt
noch per Hologramm SMS ab: Ich kann heut nicht. Bei uns gibt es heute Brei. Auf dem Gang herrscht
schon mächtig Stimmung. Wummernde Bässe kommen aus dem Gemeinschaftsraum.
Thomas beschwert sich schon wieder, dass er nicht kacken konnte und Melanie zeigt dem Neuen ihre
tätowierten Arme. Auch Hello Kitty ist über die Jahre ganz faltig auf der Haut geworden.
Ich bin immer noch damit beschäftigt die geklauten Pillen aus dem Bauchnabel zu popeln.
„So Leute. Ich hab alles da. Hier die gelben, die machen müde, die Kapseln hier machen fit und von
den blauen würde ich nur ne halbe nehmen. Die sind krass!“ Was denn? Bei einer 400 € Rente bin ich
auf Nebeneinkünfte angewiesen. Als der 108jährige Sven Väth an das DJ Pult tritt, schreit die Menge auf:
"Guuude Lauuune!" Sven Väth erwidert: „Ihr habt ja mächtig Bock zu feiern.“ Chris dreht sich mit
seinem Rollator unaufhörlich im Kreis und schreit dabei: Technooooooooo! Die 90jährige Feiermaus
Nicole stopft sich ein Kilo Konfetti in die Windel und versucht im Viereck zu stampfen. Und der verstopfte
Thomas macht ein zufriedenes Gesicht. Endlich hat er Stuhlgang. Ich genieße den vertrauten Sound
meiner Jugend, schließe die Augen und denke an die Zeit zurück, als ich noch jung war und mich darauf
freute die krasseste badass Oma unter der Sonne zu werden.

Denn ihr wisst ja was man sagt: Man ist so alt wie man sich fühlt.

(Wie immer übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung für die ganz individuellen Gedanken-
gänge unserer "Badass-Kolumnistin" der letzten Seite. Wirklich das letzte...)


 
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